Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1916-10-01 · Heft 7 (Oktober 1916) · p. 472

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 7 (Oktober 1916)
Article
Jüdische Volkslieder
Date
1916-10-01
Page
472 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3101111-3101112-8875883-3108006--0664-3108079
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

472 Arno Nadel: Kehrt sich um, junge Johren, Tut uns nit varschehmen! Kehrt euch um, jungen Jahre; Tut uns nicht beschämen! Tief anschaulich ist die Rede der Jahre: Wir werden nicht umkehren, es ist niemand da, zu dem wir umkehren sollten. Es herrscht ein tiefes Geheimnis um Lohn und Strafe im religiösen jüdischen Volksliede. Das Volk der Bibel hat alle Zeit über das Problem der Gerechtigkeit nachgedacht, hat um die Gerechtigkeit —• im Grunde die endgültige, die metaphysische Liebe —• gelitten und gestritten. Und wie im öffentlichen Werk des Rechtes die Todesstrafe zu den rätselhaften, beängstigenden Fragen gehört, so stellt der Tod auch im künstlerischen Symbol etwas unheimlich Schillerndes dar. Was war das Verbrechen jenes jungen Sterbenden, dessen Lied wir oben vernommen haben, der Gott und die Welt wegen seiner furchtbaren Bestrafung anklagt? Aus dem Liede geht nur hervor: er war reich. Aber diesen Reichtum hat ihm ja Gott selbst gegeben. Nun, —■ so mag er sein Glück nicht gütig genug angewendet haben. Wer kennt die Schliche des Schicksals! „Ihr führt ins Leben uns hinein, ihr laßt den Armen schuldig werden." — Ich zitiere dies um des folgenden Liedes willen, das ich, sonderbar genug, unter die religiösen Volkslieder einreihe. In dieser merkwürdigen Ballade geschieht folgendes: Herr und Knecht fahren übers Land. Der Herr verirrt sich und kriecht auf einen Dattelbaum hinauf, offenbar, um in einem größeren Kreise nach dem rechten Weg sich umzusehen. Da fällt er hinunter und bricht sich die Glieder. Der Knecht kümmert sich nicht um seinen Herrn, er läßt ihn trotz aller Bitten unterwegs liegen und macht sich mit dem prächtigen Wagen davon. ,,Ach mein Gott, ist das nun recht, daß von einem Herrn soll werden ein Knecht?" Ja, mein Lieber, antwortet die wissende Luft ringsumher, es ist wohl schon recht. Du wirst eben zu sehr Herr gewesen sein, und wirst wohl gewußt haben, warum du sogleich nach deinem Fall deinen Knecht um Schutz und Hilfe angefleht hast. Wärst du ein rechter Herr, wie Gott, gewesen, so wär dein Knecht ein rechter Knecht, dann erst wärst du ein Herr, der wüßte von rechts und links. — Nun sind das etwa keine Moralitäten im alten plumpen Sinne, die hier geboten werden, sondern, wie gesagt, Symbole, — ohne Lehre, selbst aber schönste, beste Lehre. Ein Hauch des Ewig-Reinen und Schönen umwittert diese Volkserzeugnisse, ein Hauch des gerechten Waltens hinter dem Raum, das den Menschen immer noch nicht nahe genug ist. In dieser Welt gibt es wohl Reichtum und Armut, Herrschaft und Dienerschaft, und dennoch sind die Gegensätze aufgehoben, — eben diese Gegensätze, nicht aber der Wechsel, die Verschiedenheit der Form. In der reinen Welt, in der Gotteswelt, man kann fast sagen in der jenseitigen Welt (die ja im Grunde die diesseitige wahrhaft normale ist, schlechthin das mögliche Paradies) ist der Herr der Diener (der Diener des höheren Selbstes) und der Diener der Herr (der Herr des Herrn, weil er ihm aus Notwendigkeit und Güte dient), ist der Reichtum die Armut (die Armut der Demut und der Milde) und die Armut der Reichtum (der Reichtum der Gnade und der Kraft). Aber das steckt doch, um Gottes Willen, nicht in diesen bescheidenen Liedchen, — wird mancher sagen. Im Gegenteil: eben dieses steckt in diesen Liedchen, wie in vielen anderen Volksliedern, die nicht von einem künstlerischen, wollenden Dichter geschaffen sind, sondern vom Wissen und Müssen überhaupt, wobei die Frage nach dem Werte gänzlich fortfällt. Das Stück, von dem wir reden, lautet:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.