Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Das Heilige
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 241 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen: Das Heilige 241 einer solchen Anwendung. Diese Erscheinung, die zunächst, da sie einer rührenden Unreflektiertheit entspringt, nur komisch wirkt, hat jedoch ernste Hintergründe: Letzten Endes ist sie eine Spiegelung der geistigen Situation des deutschen Judentums überhaupt. Haben es so nicht alle Theologen des deutschen Judentums getan, daß sie die die deutsche Umwelt, und damit, von dieser aus, sie selbst beherrschenden Wertungen und Gesichtspunkte in die Beurteilung und Betrachtung jüdischer Dinge hineintrugen? Wie immer es sich grundsätzlich mit dem Rechte eines solchen Hineintragens verhalte — man kann diese Rechtsfrage als das zentrale Problem unserer geistigen Situation bezeichnen — in zwei Fällen scheint es auch von dem zum Zweifel geneigteren Geiste nicht in Frage gestellt werden zu dürfen» Der eine ist der, daß ein Ideologe des Judentums selber schöpferisch an der Bildung der deutschen Gedankenwelt teilgenommen hat, dergestalt, daß in der deutschen Welt durch ihn jüdische Kräfte als Bildungselemente eingegangen sind, daß also seinem Hineintragen deutscher Gesichtspunkte in jüdische Gegenstände eine durch sein Werk vollzogene Anähn- Hchung der Geistigkeit beider Völker vorausliegt. Nur einer, der die Brücken selber geschlagen hat, kann die Beschaffenheit der Ufer, die Weite und Tiefe der Kluft, die Schwierigkeit der Überbrückung wahrhaft beurteilen (nicht jeder, der von der Überbrückung Nutzen zog). Für diesen Fall ist uns das Werk Hermann Cohens das ehrwürdigste Beispiel. — Nicht minder eindrücklich ist der zweite Fall, der vorliegt, wenn der deutsche Geist, sich selber jüdischen Tendenzen zuwendend, diese in sich lebendig macht, zumal wenn es solche Tendenzen sind, deren / Wirksamkeit im jüdischen Volke infolge seines schlimmen Geschickes eingeschränkt oder zurückgedrängt ist. Dieser Fall liegt z. B. in der protestantischen Wissenschaft vom A. T. vor, die uns den realen Zusammenhang, dem die Prophetie entstammt, aufgehellt hat. Er liegt vor in der Kulturkritik Nietzsches, die in vor-„christliche" Tiefen des jüdischen sowohl wie des , hellenisch-europäischen Geistes hinabstrebte. Er liegt endlich auch vor in der theologischen Untersuchung Rudolf Ottos, Heft 4. auf die hierin Kürze hingewiesen werden soll.1) Wichtig ist der Gesichtspunkt, den Otto für die Orientierung der Geschichte der Theologie (und damit für die geistesgeschichtliche Einreihung seines eigenen theologischen Unternehmens) nahelegt. Wir haben zu fragen, inwiefern er sich auf die jüdische Wissenschaft anwenden lasse. Es wäre zu antworten: Hatte die frühere Theologie — deren für uns wesentlichste Form die Attributenlehre des spanischen Zeitalters ist — die Aufgabe, den „rationalen" Momenten der Religion im Kampfe gegen die primitivirrationalen zum Durchbruch zu verhelfen, so besteht heute nach allzu vollständiger Er- 1 füllung dieser Aufgabe für die Theologie die umgekehrte Pflicht, von dem Bereich des Rationalen aus durch gewissenhafte, wissenschaftlich einwandfreie Herausstellung des Irrationalen zum Aufbau eines der Sache angemessenen Systems vorzudringen. Galt es früher, in einer von dem Irrationalen der Religion erfüllten Welt, das Recht des Rationalen durch die Theologie zur Anerkennung zu bringen, so ist es heute das Amt der Theologie, in einer von der Ratio beherrschten geistigen Wirklichkeit „das Irrationale in der Idee des Göttlichen** durch das Medium des theoretischen Bewußtseins dem Zeitalter lebendig zu machen. Die frühere Theologie spekulierte in einem religiös geschlossenen Gewölbe — die neue Theologie lebt unter freiem Himmel und hat nach ihren Kräften selber am Bau des Gewölbes mitzuhelfen. Damals war die erste Tatsache Gott — heute: Welt, Mensch, religiöses Erlebnis. Wenn man die Aufgabe so stellt, so gelangt man zur Anerkennung der Fragestellung und der Ergebnisse der Attributenlehre, ohne daß man diese als bereits abgeschlossen anzusehen hätte. Otto operiert mit Kategorien, die es erlauben, die gesamte Attributenlehre in den größeren Zusammenhang einer neuen Theologie einzustellen. Der Gedanke drängt sich auf, daß nicht die Idee des „Attributs" überhaupt und als solchen, sondern die Ausgedroschenheit der Attribute der Allmacht, Allgüte usw., der *) „Das Heilige, Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen." 9. Ä, Breslau 1922.