Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Ein Rabbinerbuch [Rezension]
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 238 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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238 Bemerkungen: Ein Rabbinerbuch daß es, aus Verzweiflung z u den andern zu kommen, nun für die andern gesprochen wurde. So bleibt es nämlich vor den andern stehn und wird, statt vernommen, geschaut. Und so bringt das, was die Gefahr der falschen Töne und die andere der flachen Rede bezwingen sollte, seinerseits erst die furchtbarste Gefahr hinzu: die der schamlosen Gebärde. Unter so unglückseligen Gestirnen steht der Beruf, und so mögen wir ihnen den größten Teil der Schuld zumessen, wenn dies gutgemeinte und gutgerichtete Buch nicht das geworden ist, was der Verfasser gewünscht hat und der Rezensent mit ihm gewünscht hätte. Denn dies Buch besteht aus Predigten. Predigthaft ist zunächst die Sprache in ihrem skrupellosen Griff nach dem Effekt, in ihren unaufhörlichen Anleihen beim poetischen Stil — und was für einem Stil! man fühlt sich unwillkürlich daran erinnert, daß auch der Nachdichter Jehuda Halevis das Deutsch der Rittershaus und Baumbach offenbar für' die deutsche Dichtersprache gehalten hat. Predigthaft ist weiter die Sucht, „moderne Geister" — in diesem Fall vor allem den ja schon als Nachbarn Bonns „interessanten" Max Scheler — zu zitieren. Predigthaft ist der glänzende Aufbau, der in Verbindung mit. der pompös dahinrollenden Sprache das Buch zu einer glatten und raschen Lektüre macht, wie ja auch der durchschnittliche Predigthörer mit seinem „Schön hat er gepredigte * gewöhnlich nur den ungestörten Ablauf der Redeuhr honoriert Predigthaft ist aber auch der Leichtsinn, mit dem jener glänzende Aufbau hergestellt wird, die Art, wie ein „Problem" aufgeworfen, der Leser auf seine Lösung gespannt und endlich nach langem Warten überredet wird, einen an sich guten Gedanken für jene versprochene Lösung anzunehmen. Und predigthaft sind endlich die beiden großen Sünden des Buchs, sein Anfang und sein Schluß, predigthaft — und nur deshalb zu verzeihen. Das Buch beginnt nämlich mit einem Abschnitt „Bekenntnis", der auf drei Seiten so unbeschreiblich viel Widerwärtiges anhäuft, daß, man niemandem verübeln könnte, wenn er das Buch hier angeekelt aus der Hand legte. Das wäre, wie ich gleich bemerken möchte, ein Fehler, denn das Buch ist nicht so wertlos wie sein Anfang. Die Erklärung für die ungeheure Schamlosigkeit (vgl. Maimonides, Hilch. Teschubah 2, 5) dieses ,,öffentlichen Bekenntnisses" gibt der Autor dem Leser, ohne es zu wollen, selbst, indem er als Motto die berühmten Worte Jer. 20, 9 voransetzt, für deren Größe es zeugt, daß man sie auch nach der folgenden Parodie noch lesen kann. Ich meine wahrhaftig nicht, daß das „Prophetische" etwas so Besonderes sei; die Unterschiede zwischen den Menschen vor Gott sind geringer, als es eine auf den Wahnbegriff des religiösen Genies starrende Wissenschaft uns einreden wollte; der Unterschied zwischen Jeremia und seinem Parodisten liegt in etwas v;el Einfacherem: in der verschiedenen Situation; Jeremia hatte wirklich etwas zu sagen, was ihn Kopf und Kragen kosten konnte; Emil Cohn legt sich den Mantel jener Worte um die Schultern, um den Leser zu unterrichten, daß er ein sehr bedeutendes Buch vor sich habe; dabei ist wirklich keine andere Gefahr als eventuell die der Lächerlichkeit. Zu seinem eigenen Auftreten damals in Berlin gehörte erheblich mehr Mut als zum Aussprechen der Gedanken dieses Buchs. Denn wie es mit der Neuheit seiner Gedanken bestellt ist, davon geben dem Leser gerad die zunächst folgenden Teile des Buches sogar einen zu schlechten Begriff. Der nächste Abschnitt „Das Problem" redet in der sattsam bekannten Weise vom „Leben", dem „quellenden", „lebendigen", „unberechenbaren" Leben, ohne ein Gefühl dafür, wie zäh heute schon jenes Quellen, wie tot heute jene Lebendigkeit, wie — berechenbar jene Unberechenbarkeit schon wieder ist; zwischen Wort und Schlagwort zu unterscheiden, ist eben in der einsamen Höhe der Kanzel nicht leicht. Als Problem des Buchs wird nun mit ungeheurem Lärm der Widerspruch im Religiösen zwischen Leben und Askese angekündigt. Ich setze die Stelle einmal wörtlich hierher, weil sie im Gegensatz zu den gekennzeichneten Stellen des ersten Abschnitts den Leser nicht schamrot macht,