Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Ein Rabbinerbuch [Rezension]
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 237 (sequence 1)
- Language
- German
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BEMERKUNGEN EIN RABBINERBUCH Viel Predigen macht den Leib müde. Pred. 12, 12 Der Bonner Rabbiner Emil Cohn, in seiner Jugend bekannt geworden durch tapferes Vertreten seiner zionistischen Überzeugung gegenüber dem Berliner Gemeinde vorstand, später unter loser Pseudonymität hervorgetreten mit dramatischen Versuchen und einer Nachdichtung Jehuda Halevischer Gedichte, hat j etzt unter dem Titel „Judentum. Ein Aufruf an die Zeit" im Verlag Georg Müller ein Buch erscheinen lassen, das in mancher Beziehung, sowohl in der vom Verfasser beabsichtigten als auch in andrer, zu einigem Nachdenken veranlassen kann. Es hängt eine schwere Gefahr über dem modernen Rabbiner/ eine Gefahr, die für seinen Standeskollegen von einst nur in seltenen Fällen bestand, die aber auch für den christlichen Geistlichen von heut nicht im selben Maße besteht. Für den katholischen, in dessen Amt die streng gebundene liturgische Tätigkeit weitaus den größten Raum einnimmt, überhaupt kaum. Aber selbst der protestantische hat im allgemeinen in der individuellen Seelsorge ein Gegengewicht gegen die, meist übrigens kurzen, Sonntagspredigten. Der jüdische Geistliche aber, der einst, wo sich seine Tätigkeit auf Lernen und Entscheiden beschränkte, vor den Gefahren des „geistlichen Berufs" fast vollständig geschützt war, ist ihnen jetzt am meisten ausgesetzt. Denn aus der herben Luft des täglichen Lernens ist er herausgetreten; mit wem auch sollte er lernen? die sich etwa an ihn wenden, sind allenfalls Suchende, nicht Lernbereite im alten Sinn. Und die seelsorgerische Tätigkeit ist ihm zumeist, im Gegensatz zum protestantischen Pfarrer, schon durch die gewisse gesellschaftliche Isolierung, in der er sich gerade gegenüber den gebildetste» und angesehensten Kreisen seiner Gemeinde befindet, sehr erschwert; jener ist „der Herr Pfarrer", dieser „der Rabbiner" oder bestenfalls „unser Rabbiner". So ist er mehr oder weniger aufs Predigen angewiesen, ein Predigen übrigens, bei dem er nur selten die Masse seiner Gemeinde vor sich sitzen hat, also ein Predigen ohne Widerhall. Und so entwickeln sich in ihm die Laster des Predigens, ohne daß ihnen ein Widerstand entgegengestellt würde. Welche sind es? Predigen ist nicht Sprechen. Es fehlt der andre, der Mitunterredner. Es fehlt infolgedessen die Veranlaßtheit und Unmittelbarkeit des Worts. Und infolge davon fehlt dem Predigenden leicht der Maßstab der Tonstärke; er gleicht da dem Tauben, er hört ja auch nichts erwidern. Diese Gefahren werden nun verstärkt durch die Gegenstandslosigkeit der Predigt. Der Text scheint gerade dem modernen Prediger für sein Publikum — und da mag er recht haben — nicht interessant genug. So wird er ihn gern baldmöglichst verlassen und sich in die anscheinend interessanteren Bezirke der Aktualität begeben. Diese heiß umworbene Aktualität aber hat es an sich, daß sie noch viel aktueller genommen werden will als ihre Freier meinen: sie versagt sich dem, der sie bloß um ihrer Aktualität willen liebt; sie will selber aktuell, aus der Unmittelbarkeit eines Anlasses heraus genommen werden, dann und nur dann wird sie erobert. Die gewollte und gesuchte Aktualität der Predigt erhält daher immer einen Stich ins Überlebte, Vorgestrige. Der Prediger tut so, als ob man ihn gefragt hätte. Aber es hat ihn niemand gefragt. Und so wird auch von inhaltswegen alles, was er sagt, hohl. Das fühlt er nun selber. Und aus diesem Gefühl heraus erliegt er nun der schlimmsten Verführung. Er meint, sich selber in den Abgrund werfen zu müssen, der ihn von seinen, Hörern scheidet. Aber er kommt ihnen dadurch" nicht näher, er stürzt nur selber in die Tiefe. Sein Wort wird gerade dann, was es gerade dann am wenigsten sein dürfte: Schauspiel. Nicht daß er „schauspielerte"; aber es rächt sich an seinem Wort,