Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Jüdische Musik
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 227 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Arno Nadel: Jüdische Musik 227 ARNO NADEL / JÜDISCHE MUSIK 1. Man kann von deutscher Musik reden, von französischer, von italienischer, von arabischer, von chinesischer — man kann auch von jüdischer Musik sprechen. Esgibt eine alte deutsche Musik, eine jüngere und eine neue deutsche Musik, es gibt eine ausgeprägte ältere italienische und eine ebenso neue und neueste italienische Musik — aber es gibt nür eine einzige jüdische Musik, die wir kennen und die klar faßbar ist: das ist die synagogale Musik. Nun gibt es wohl eine deutsche Kirchenmusik und eine deutsche weltliche Musik, und beide unterscheiden sich voneinander wie Gott und Welt, Kirche und Straße, Himmel und Leben, oder wie Buße, Gebet, Not und — Geplauder. Also muß auch irgend etwas wie weltliche jüdische Musik existieren. So ist es auch. Dies ist zunächst das jüdische Volkslied und dann: die religiöse Hausmusik, also: die S'miroth und die chassidischen Tischlieder, mit und ohne Text. Aber sowohl das jüdische Volkslied wie auch die religiöse Hausmusik ist nur dort „jüdisch", wo sie mit synagogaler Musik sich berührt, wo sie mit gottesdienstlichen Melodien klagt und sinnt und sich an höhere Mächte wendet. Gute Beispiele sind die bekannten wenigen wirklich bedeutenden chassidischen Tischlieder — wenn man sie völlig so nennen darf — wie „Dudele" oder der „Kaddisch des Berditschewers" und ein Volkslied etwa wie „Dos Kind ligt in Wigele". Eine jüdische weltliche Kunstmusik vollends gibt es überhaupt nicht, wenn man nicht einige weniger oder mehr gelungene Versuche moderner Musiker, vor allem der ernst zu nehmenden Petersburger Gruppe um Engel, so nennen darf. Die Gründe für diese Tatsache sind naheliegend. Wir kennen ein altes Judentum, eine lebendige jüdische Religion, die ihr Eigendasein führt und mit Musik verquickt ist, aber es existiert kein jüdisches Reich. Die Judenheit als Nation lebt und schwebt in heimatlosen Regionen, — wie soll die jüdische Seele neu wie der Tag, neu wie ein lebendiges Jahrzehnt singen und musizieren? Also: jüdische Musik, das ist vorerst synagogale Musik. Die Musik unseres Gottesdienstes lebt und wirkt als lebendige Kraft, als geheimnisvolle Macht, die mit göttlichem Räume in Verbindung steht. II. Gibt es eine alte jüdische Musik? Eine solchegibt es. Das ist der Nussach1) unseres Gottesdienstes. Wie alt manche Motive sind,das wissen wir nicht. Daß einzelne Weisen viele Jahrhunderte alt sind, wahrscheinlich sogar Jahrtausende, das steht fest. Das beweisen teilweise dieN'ginoth2), die in den verschiedensten Ländern sich ähnlich erhalten haben, ebenso einzelne Nussach-Weisen. 1) Jiddisches Wort für Weise, Melodie. 2) Hebr. eigentlich: Betonungen, dann musikalische Akzente für das Vorlesen aus der Thora und dem Prophetenabschnitt beim öffentlichen Gottesdienst. IS*