Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Mohammed und die Aggada
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 202 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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202 Heinrich Speyer: HEINRICH SPEYER / MOHAMMED UND DIE AGGADA Das wiedererwachende jüdische Kulturleben in Palästina wird bei einer gedeihlichen Zusammenarbeit von Juden und Arabern am Aufbau des Landes zweifellos ein größeres Interesse für den Islam hervorrufen. Die Wissenschaft des Judentums und nicht nur sie wird mehr als bisher angespornt werden, sich mit der Religion Mohammeds auseinander zu setzen, und es sich angelegen sein lassen, die vielen Beziehungen zwischen Judentum und Islam kennen zu lernen. Vor allen Dingen aber wird man trachten, eine klarere Vorstellung von der eigenartigen Persönlichkeit Mohammeds zu gewinnen. Die Entstehung des Islam läßt sich nur deuten durch seinen Propheten. Und dieser Prophet — der Charakter eines solchen kann ihm heute nicht mehr bestritten werden — steht in der Hauptsache auf dem Boden jüdischer und christlicher Vorstellungen. Über sein Wesen und seinen Werdegang kann allein das Grundbuch des Islam, der Koran, Auskunft geben. In den letzten hundert Jahren glaubte die Koranforschung in den ungeheuer reichen Stoffmassen der arabischen Überlieferung, in der die Aussprüche und Handlungen des Propheten durch eine lückenlose Zeugenkette scheinbar einwandfrei beglaubigt werden, eine zuverlässige Kunde über den Propheten und sein Buch zu besitzen. Heute wissen wir, dank der Forschungen Goldzihers, daß sich in diesen Traditionen die politischen, religiösen und geistigen Kämpfe der späteren islamischen Jahrhunderte wiederspiegeln und daß kurze Zeit nach Mohammeds Tode seine Gestalt bereits von Sagen und Legenden umrahmt war. Jedenfalls haben wir zur Zeit kein absolutes Kriterium für die Echtheit •einer mohammedanischen Überlieferung. Für die vielen dunklen Stellen, die sich in dem merkwürdigen Buche des Stifters des Islams finden, müssen wir uns daher anderswo Aufklärung suchen. Die künftige Koranforschung wird ihren Blick, statt nach vorwärts, nach rückwärts wenden müssen und zur Exegese des Koran das Schrifttum der Juden und der orientalischen Christen, die Gnosis und, soweit nötig, die altarabische Aggada heranziehen. Für die Erklärung des Koran kommt in allererster Linie die Aggada in Betracht. Denn für Mohammed deckt sich die ihm gewordene Offenbarung mit den Offenbarungen der Juden* und Christen. Wie man bereits betont hat, ist das Wort Qur'an mit dem syrischen qerjanä und dem hebräischen miqrä zusammenzustellen1). Schon in allerfrühester Zeit schreckte Mohammed vor dem Tage „des Gerichts", „jaumu ddlni" zurück. In seiner Vorstellung erlebte er die furchtbare Vergeltung, die den Sündern zuteil wird. Den anderen Völkern — er denkt hauptsächlich an Juden und Christen — waren Gottesmänner und Warner erstanden. Auch besaßen sie ein Buch, dem man göttliche Bedeutung beilegte, und das im Mittelpunkt ihres Gottes- Nöldeke-Schwally: „Geschichte des Koran". Leipzig 1909. Bd. I. pag. 31