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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 3 · p. 157

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 3
Article
Ostgalizien
Date
1921-01-01
Page
157 (sequence 12)
Language
German
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*57 keit, vor allem bei den Polen Ostgaliziens nur wenig Gegenliebe, Ja, selbst unter den polnischen Sozialisten in Ostgalizien machte sich heftiger Widerstand geltend gegen dieses Projekt, dessen Verwirklichung für die Polen doch naturgemäß den Verzicht auf die Präponderanz, wenigstens auf dem Gebiete der Landesgesetzgebung und Verwaltung bedeuten würde. Ist es schon sehr zweifelhaft, ob die Ukrainer auf Grundlage des P. P. S.¬ Entwurfes zu einer Verständigung bereit wären, so mußte für jeden Einsichtigen klar sein, daß das vom ersten polnischen Sejm knapp vor seiner Auflösung beschlossene Autonomiegesetz geradezu als Hohn empfunden werden mußte. An Stelle der Landesautonomie — die Zerstückelung des Landes in die drei Wojewodschaften, von denen jede ihre im übrigen recht bescheidene''Autonomie mit minimaler, auf die engsten lokalen Bedürfnisse beschränkter Kompetenz erhält, unter Festlegung weitgehender Privilegien für die polnische Minorität (die in der Wojewodschaft Lemberg dank der oben erwähnten künstlichen Stärkung des polnischen Elements zur Majorität wird). Die 700 000 köpfige jüdische Bevölkerung wird dabei ohne viel Federlesens dem polnischen KatastÄ* einverleibt — dieselbe jüdische Bevölkerung, die man tatsächlich vom Eisenbahndienst ausschließt, deren studierende Jugend beim Eintritt in die Lemberger Universität den größten Schwierigkeiten begegnet — getreu den Traditionen der jüngsten k. k. Vergangenheit 1). Und . zuguterletzt wurde die Durchführung auch dieses angeblichen Autonomiegesetzes auf zwei Jahre verschoben. Die Antwort der Ukrainer war der schon erwähnte Wahlboykbtt. Gleichzeitig begann eine Reihe von terroristischen Akten, Verbrennung von Gutshöfen, Mordanschläge auf Kandidaten der winzigen Gruppe der „Chliborobya,die den Wahlboykott durchbrachen,Überfälle von bewaffneten Banden (die nach polnischeil Behauptungen von der Sowjet-Ukraine her ausgerüstet wurden). Schon viel früher hatte der ukrainische Student Fedak ein Attentat auf den Staatschef Pilsudski und Statthalter Grabowski verübt, das aber mißlang. Daß die im Auslande befindliche westukrainische Regierung Petruschewitsch auch nicht mit verlegten Händen dasitzt, beweisen die öfteren diplomatischen Schwierigkeiten, die sie der polnischen Regierung bereitet. Augenblicklich scheint die Lage wieder etwas ruhiger zu sein. Aber jede internationale Komplikation, jede Änderung der Lage in der Sowjet- Ukraine — wo bei aller Skepsis gegenüber der bolschewistischen Nationalitätenpolitik doch zumindest ein Schein von ukrainischer Selbständigkeit besteht — kann in Ostgalizien zu unabsehbaren Erschütterungen führen, deren Leidtragende wie immer vor allem die zwischen polnischem Hammer und ukrainischem Amboß befindliche jüdische Bevölkerung sein würde. l) Auch der Entwurf der P. P. S. sieht übrigens diese „Annexion" der jüdischen Bevölkerung zugunsten der Polen vor.

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