Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Ostgalizien
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 146 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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146 Berl Locker: BERL LOCKER / OSTGALIZIEN Unter den Problemen, die das „Friedenswerk" der siegreichen Entente ungelöst gelassen hat, ist das Problem Ostgalizien (polnische Bezeichnung: Ost-Kleinpolen) der schwierigsten eines. Der Zionist hat ebenso wie der internationale Sozialist allen Grund, dieses Problem näher kennen zu lernen. Denn es bildet nicht bloß ein Schulbeispiel für den engsten Zusammenhang der nationalen und sozialen Fragen, sondern auch einen Herd beständiger Unruhe und nationaler Reibungen, der bei internationalen Verwicklungen in gefahrvoller Weise zum Ausbruch kommen könnte. Das Land ist seit vier Jahren im Herrschaftsbereiche der polnischen Republik. Doch verstehen auch einsichtige Polen, daß das Problem damit keineswegs aus der Welt geschafft ist. „Man muß offen sagen" - schreibt der polnische Sozialist Holowko1) —, „daß heute dort (in Ostgalizien) der Zustand der militärischen Okkupation besteht; mit der ukrainischen Gesellschaft gibt es kein Einvernehmen, sie wurde gänzlich von der Macht beseitigt . . . Das ukrainische Element wird sich niemals mit seiner gegenwärtigen Lage einer unterworfenen Nationalität abfinden." Die nationale Gliederung der Bevölkerung. Eine einwandfreie Nationalitätenstatistik existiert nicht. Die offizielle Statistik des Nationalitätenstaates Österreich kannte bezeichnenderweise den Begriff Nationalität überhaupt nicht. Die Ziffern der Rubrik Umgangssprache aber, die als Behelf herangezogen werden könnten, waren notorisch weniger das Ergebnis objektiver Feststellungen als der „nationalen Betätigung" der Zählungsorgane im Interesse der herrschenden Nationen (in Galizien der polnischen). Selbst die österreichische Statistische Zentralkommission mußte zugeben, daß „den Resultaten der Volkszählung über die Umgangssprache nur ein relativer Wert zukommt"2), und der polnische Statistiker v. Romer gesteht in seiner Schrift „Die Gesamtzahl der Polen" (Wien 1917), daß die galiziscHe Gesamtstatistik von 1910 mindestens 720 000 Juden und 160 000 Ukrainer in Polnischsprechende verwandelt hat. Auch die Daten der polnischen Volkszählung von 1921, bei der zum erstenmal die Juden als eigene Nationalität erscheinen, sind für unseren Zweck nicht zu gebrauchen. Denn erstens beziehen sie sich auf ein von der polnischen Regierung, aus leicht verständlichen Gründen, um mehrere tausend Quadratkilometer polnischen Mehrheitsgebietes auf Kosten Westgaliziens vergrößertes Ostgalizien. Zweitens kann das Vertrauen zu dieser Volkszählung nicht übermäßig groß sein, wenn man bedenkt, daß selbst nach der österreichischen Sprachstatistik von 1910, die doch, wie erwähnt, zur Genüge polnisch „gefärbt" war, das alte Ostgalizien weit über 3 Millionen ukrainisch Sprechende zählte, während nach der polnischen Statistik von 1921 im vergrößerten Ostgalizien nur 2 400 000 Ukrainer sein sollen. Es *) Die Nationalitätenfrage in Polen, Warschau 1922 (polnisch). 2) Österreichische Statistik. Neue Folge, I. Band, 1. Heft, Seite 59.