Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Thorastudium und Berufsarbeit
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 141 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 100% known words query
- IRI
…/3101111-3101189-3101193-3107825--5887-3107856- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Thorastudium und Berufsarbeit Mi das Gott einst über uns aussprechen wird. So deutet der Talmud den Anfang des hundertachtundzwanzigsten Psalms, „Die Arbeit deiner Hände, wenn du sie genießest, Heil dir und wohl dir": „Heil dir in dieser Welt und wohl dir in jener Welt!" So hat die jüdische Religion die Berufsarbeit in ihren Tiefen verankert und den bürgerlichen Fleiß durch die religiöse Hoffnung beflügelt. Die wahrhafte innere Harmonie zwischen der Thora und der Pflicht gegen die Welt strahlt iuns aus dem schönen. Worte des Rabban Gamliel entgegen, dessen Anfang wir als ein jüdisches Leitwort an die Spitze unserer Betrachtungen gestellt haben: „Schön ist das Studium der Thora in Verbindung mit einem Berufe, denn die Bemühung um beide läßt die; Sünde vergessen. Thora ohne Arbeit aber führt schließlich zum Müßiggang und zieht die Sünde herbei."1) Andere Lehrer haben dann diesem Worte im Talmud noch eine Ergänzung gegeben. Wie die Thora der Arbeit, so bedarf die Arbeit der Thora; bloß gegründet auf die Notwendigkeit des Erwerbs, reine Jagd nach dem Gelde, losgelöst von dem Quell des religiösen Gedankens und nicht mehr hingerissen von dem Schwung, den sie gibt, wird die Wirtschaft selber schließlich erlahmen und an sich selber zugrunde gehen. Diese Wahrheit wird von unseren Alten dort ausgesprochen, wo so viele andere der hier behandelten Probleme aufgerollt sind2). „Den früheren Geschlechtern, die die Thora zur Hauptsache und ihre Arbeit zur Nebensache gemacht hatten, sind beide gelungen. Den späteren Geschlechtern, die ihre Arbeit zur Hauptsache machten und die Thora zurücktreten ließen, ist weder diese, noch jene gelungen." Dem Menschen ist nichts geschenkt worden, er hat sich alles erst mühsam erarbeiten müssen. In der Geschichte der Zivilisation, der Technik ist diese Wahrheit greifbar. Pyramiden, Brücken, Tunnels, Bergwerke und tausend andere Wunderkind die lauten Zeugen des ungeheuren Fleißes der Menschheit. Aber die sittlichen Ideen, die Ideale, die Begriffe von Recht und Pflicht scheinen im Gegensatz dazu ein reines Geschenk des Himmels zu sein. Doch dieser Schein trügt. Die Menschheit steht immer am Scheidewege und hat immer zu wählen zwischen zwei Wegen. Auf Schritt und Tritt lehrt die Vergangenheit, wie leicht der Mensch über die rechte Richtung schwankt, wie leicht er sich beirren läßt, wie leicht selbst gute und zutreffende Gedanken die gegründete Überzeugung umstürzen und verkehren kann. Der Einblick in diese Kämpfe erst lehrt uns die Größe der sittlichen, der religiösen Kultur. Sie ist keine gütige Mitgift, die ohne weiteres der Menschheit geschenkt worden wäre, sondern auch sie ist der Lohn und der Preis für die schwere Mühe und Arbeit der Weisen und der Gerechten. *) Sprüche der Väter IL 2. 2) Ber. 35b.