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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 3 · p. 133

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 3
Article
Eine Vorrede
Date
1921-01-01
Page
133 (sequence 5)
Language
German
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Eine Vorrede 133 Welt aufkeimen, wachsen, reifen zu lassen. Wie könnten wir dulden, daß der Erdboden, in den wir versenkt sind, dem Leben Gottes verschlossen bleibe? Aber müßten wir es nicht dulden, wenn Sein und Wirklichkeit unbedingt getrennt wären? Gäbe es dann für uns etwas zu tun als zu warten, bis Gott eine neue, eine einige Seinswirklichkeit schafft? Wären wir dann nicht berufen und gelähmt zugleich? Wir merken, daß so das Losungswort unsrer Berufung nicht richtig ausgesprochen wird. Und in der Tat, wir dürfen bei dem Begriff einer relativen, gottfernen Wirklichkeit nicht stehenbleiben. Wir dürfen es nicht, weil dieser Begriff nicht von der Gott-Welt-Fülle herkommt, in der wir leben, uns regen und sind, sondern von einer Einschränkung unsres Lebensverhaltens; er geht von einer Scheidung zwischen dem „denkenden" und dem „empfindenden" Verhalten des „Subjekts" aus und macht aus dieser psychologisch relativen Zweiheit von Funktionen eine absolute Zweiheit von Sphären, so absolut, daß die eine von ihnen dem Anhauch Gottes wesensnotwendig entzogen bleibt. Gehen wir nicht von dfer künstlichen Enge des „Subjekts" aus, sondern fassen wir uns in der wirklichen Gott-Welt-Fülle, in der wir leben, dann erkennen wir, daß „Gott verwirklichen" bedeutet: Gott die Welt zu einem Ort seiner Wirklichkeit bereiten; der Welt beistehen, daß sie gottwirklich werde; mit anderm, heiligem Wort: die Wirklichkeit einen. In diesem unsern Dienst am Werden des Reichs erscheint die Entgegenkunft des Menschen zu welthaftem Wirken erhöht. Vermögen wir so viel? Wir vermögen unsern Anteil an dem einen, um dessentwillen wir auf Erden sind; dem einen, das Gott ohne uns ducht ▼ermögen will. Alle Menschen kennen irgendwie, noch so dumpf, diese Berufung unsres Menschseins. Aber einst erfuhr ein Volk sie, als Volk, an ihr zum Volk werdend, bewahrte seine Kenntnis unverbrüchlich, allem Makel, aller Schwäche, allem Versagen zum Trotz. Alle Menschen wissen irgendwann, noch so flüchtig, um die Begegnung. Aber eine Menschenart weiß darum in der Dauer —nicht in den Gnaden allein, in allen Stürzen, und bis in jeden Augenblick des Zerfallehs, mit der Wesensgewißheit des lebendigen Gewissens. Alle Menschen kommen Gott irgendwo, in irgendeiner Einsamkeit ihres Schmerzes oder ihres Gedankens, nah; es gibt keinen unverwundbaren Heiden. Aber der Jude wagt es, weltverhaftet, welteingebannt zu Gott m der Unmittelbarkeit des Ich und Du zu stehn — eben als Jude. Das ist die Urwirklichkeit des Judentums. * Diese Schar hat einst als erste, wie vor ihr nur der Einzelne, dem Sprechenden geantwortet. Sie wird nach all ihrem Versagen, inmitten ihres Versagens nicht ablassen, sich neu für die Zukunft seines Wortes zu bereiten.

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