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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 2 · p. 102

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 2
Article
Elieser ben Jehuda
Date
1921-01-01
Page
102 (sequence 4)
Language
German
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102 Bemerkungen: Elieser Ben Jehuda Gedanken aller Zeiten und Menschen und die Gegenstände jeden Alltags in unserem Kulturbereich heimisch machen können. Diese Aufgabe forderte einen übermenschlichen Glauben an die Zukunft des jüdischen Volkes. Denn vor 40 Jahren war die Gegenwart Palästinas entsetzlich: nicht die leiseste Spur von nationaler Glut, von Lebenswillen, Selbstachtung, Jugend. Der Zusammenstoß zwischen den Bettelgreisen der Chaluka und dem seltsamen Neuerer konnte nicht ausbleiben. Dieser Konflikt führte Ben Jehuda, den die tolle Idee gepackt hatte, einzig und allein nur noch hebräisch zu reden, sogar mit der eigenen Frau und selbst mit den unschuldigen Kindern, eines Tages ins türkische Gefängnis. Auf eine direkte Denunziation der Heben Volksgenossen hin war er „revolutionärer Umtriebe" verdächtigt worden, nur weil er sich nicht mit dem Kauderwelsch der anderen begnügen wollte. Glücklicherweise wurde Ben Jehuda nach wenigen Wochen wieder entlassen, aber von nun an umschwirrten immer seltsamere Anekdoten den Sprachfanatiker. Er sollte urplötzlich angefangen haben, mit seiner Frau hebräisch zu reden; die Arme sei darauf in Ohnmacht gefallen und habe in irgend einer verständlichen Sprache um Hilfe gerufen, aber vergeblich! — Ja — der unerbittliche Trotzkopf redete sogar Personen „aus der besten jüdischen Gesellschaft** hebräisch an. Und es ist keine Anekdote mehr, sondern bitterste Wahrheit, daß ein ernster jüdischer Gelehrte, der sogar Verfasser eines Bibelwörterbuchs ist, Ben Jehuda beschwor, wenigstens die eigenen Kinder mit seinem Fanatismus zu verschonen, da sie unfehlbar zu Idioten werden müßten, wenn sie keine andere Sprache außer der hebräischen lernen würden! Und der bekannte „Zionsfreund" L i 1 i e n b 1 u m, einer der frühsten Vorkämpfer der Odessaer „Chowewe Zion"-Bewegung, wußte auf die gewohnte hebräische Anrede des Unverbesserlichen nur auf Jiddisch zu sagen: „Reden Sie doch einmal wie ein Mensch!" In solcher Umgebung, 15 Jahre vor dem ersten Baseler Kongreß und einige Zeit vor der ersten Einwanderung der „Bilujim", wurde der Entschluß Ben Jehudas reif, eine Schatzkammer der lebenden hebräischen Sprache anzulegen. Der Riesenleistung ging ein zäher aufreibender Kampf voraus, der in den von ihm gegründeten ersten hebräischen Zeitschriften („Hazewi", „Haschkafa" und anderen), sowie in seinem eigenen Unterricht des Hebräischen nach „natürlicher" Methode seine Auswirkung fand. Vor allem wirkte sein persönliches Beispiel, die in die tagtägliche Haussprache zurück verwandelte heilige Sprache. An die gründliche wissenschaftliche Erforschung des Hebräischen trat Ben Jehuda erst im vollen philologischen Rüstzeug heran, nachdem er den ungeheuer reichen arabischen Wortschatz sich zu eigen gemacht hatte. Da sich eine entsprechende arabische Wurzel fast zu allen Bestandteilen des biblischen Ausdrucksvorrats, der offenbar nicht vollständig vorliegt, finden läßt, so kann man mit Gewißheit annehmen, das viele arabische Wurzeln, für die die hebräischen Parallelbildungen fehlen, solche im Munde der Vorfahren, im goldenen Zeitalter der klassischen Sprache gehabt haben. Durch diese Methode wurde der Sprache ein Quell der Bereicherung erschlossen, außerdem natürlich der gesamte Wortschatz der nachbiblischen Literatur mit herangezogen und neu belebt. Öffnen wir an irgend einer beliebigen Stelle einen der bisher vorliegenden 5 Bände des „Wörterbuches der alten und neuen hebräischen Sprache**1). Da wird zunächst jedes hebräische Wort in seiner Verwandtschaft mit den übrigen semitischen Stämmen erklärt, dann sinngetreu en die drei modernen Weltsprachen übertragen und schließlich zusammengestellt, wo es an charakteristischen Stellen der Bibel oder des späteren Schrifttum vorkommt, um so seinen Bedeutungswandel in allen feinsten Schattierungen klarzulegen. So gräbt sich das Wort immer tiefer ins Bewußtsein der Studierenden ein: der zweitausend Jahre lang stumm war, bekommt mit jedem neuen hebräischen Wort ein Stück der ersehnten Ausdrucksfähigkeit zurück. Simon Ernst (Jaffa) l) Das Werk führt den Untertitel „Gesamthebräischer Wortschatz" (Thesaurus totius hebraicitatis).

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