Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die Aufgaben der zweiten Konferenz der palästinensischen Arbeiterschaft
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 58 (sequence 1)
- Language
- German
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UMSCHAU ARBEITERBEWEGUN G IN PALÄSTINA Die Aufgaben der zweiten Konferenz der palästinensischen Arbeiterschaft Anfang Februar wird sich in Tel Awiw die aweite „Welda" der Arbeiterschaft Palästinas versammeln. Zwei Jahre sind dahingegangen, seit die Konferenz in Haifa (über die ich damals im „Juden" berichtete) den Grund zur „Histadruth", zur '„Allgemeinen Organisation der jüdischen Arbeitenden in Palästina" gelegt hat. In diesen zwei Jahren ist die Histadruth zu einer mächtigen Organisation geworden. Jedes Schiff, das in Jaffa oder Haifa landet, bringt ihr Genossen. Sie ist die Organisation der das Werk des Zionismus Tuenden, die wahre Exekutive des Zionismus geworden. Zahlen: In Palästina leben etwa 90 000 Juden, Kinder und Greise eingeschlossen. Die Zahl der Arbeiter unter ihnen ist nach der kürzlich vorgenommenen Zählung 16 500. Die Histadruth hat etwa 8000 Genossen, also ungefähr die Hälfte aller Arbeitenden. Palästina ist heute eines der wenigen Länder — vielleicht das einzige? — in welchem eine alle Arbeiter ohne Unterschied der Partei und Profession umfassende Organisation besteht. I. Die Parteien. In Haifa gelang unter großen Schwierigkeiten die teilweise Einigung von Achduth haawoda und Hapoel hazair und auch die Zusammenarbeit mit den Kommunisten (M. P. S.) wurde ermöglicht. Das Parteienproblem wird wohl auch vor der zweiten Konferenz stehen, aber nicht mehr*in der rein politischen Form von damals. Die Differenzen sind heute mehr gewerklicher, industrieller Art: hier besteht ein scharfer Gegensatz zwischen M. P. S. und den übrigen Parteien. Darüber später. Zwischen Achduth haawoda und Hapoel hazair besteht nur mehr ein Gegensatz des Temperaments und der Zusammensetzung. Der H.H. hat seine Hauptstütze in der agrikulturellen Arbeiterschaft, von der ein erheblicher Teil dem Hexenkessel der städtischen industriellen Arbeiterschaft mit ihrer proletarischen Psychologie und ihrem Massencharakter verständnislos gegenübersteht. Die Tatsache z. B,, daß unter den städtischen Arbeitern (den Hunderten und Tausenden) nicht jener radikale Hebraismus herrscht wie in den landwirtschaftlichen Kwuzot mit ihren dreißig Genossen, verdunkelt manchem das Verständnis für die Größe der Tatsache, daß doch jene Hunderte und Tausende in den Städten von produktiver Arbeit leben. Auf der Konferenz des H. H. warf man den Setzern des „Doar Hajom" vor, daß sie diese arbeiterfeindliche Zeitung drucken, aber in Streik treten, wenn man ihnen den Lohn kürzen will. Gordonsche Gedanken! Aber zu einer unfruchtbaren Romantik geworden in einer Zeit, wo wir, unter der Herrschaft des kapitalistischen Systems, Palästina um jeden Preis bevölkern und den Einwanderern produktive Arbeit ver- ~ schaffen wollen. Diese romantischeUnterströmung im H. H. ist freilich nicht stark genug, um die Haltung der Partei zu bestimmen. Aber sie bewirkt eine gewisse Kühle und Zurückhaltung des H. H. gegenüber der Histadruth. Die „Achduth haawoda" ist bekanntlich gegründet worden, um die Vereinigung aller Arbeiter Palästinas in einer Organisation durchzusetzen. Nun, da dieses Ziel erreicht worden ist, wäre die einzige Konsequenz: sich aufzulösen. Sie ist nicht gezogen worden. Soziologische Gebilde haben eben ihren Selbsterhaltungstrieb. So fand A, H. Gründe für ihr Weiterbestehen, „um weiterhin innerhalb der Histadrut für den sozialistischen Zionismus zu kämpfen". Doch beschloß dieA.H., daß nur Mitglieder derHistadruth ihr angehören können, und lehnte einen Antrag, sich (wie der H. H.) Partei zu nennen, ab. Damit wurde ausgesprochen, daß A. H. nur Schrittmacherei der Organisation sein will. Im übrigen sind tatsächlich H.H. und A.H. in der Histadruth fast schon aufgegangen und nur die bevorstehende Wejda hat auch sie zu neuem Leben erweckt. Sie dürften zusammen kaum ein Fünftel der Mitglieder der Histadruth umfassen. Der größere Teil der neuen Alijah ist entweder nur gewerkschaftlich oder aber in den Lebensgemeinschaften (Kibuzim) organisiert— Gdud haawoda, Chawurath Emek, Haschomer Hazair, Chefzibah usw. Unter den. Genossen der Kibuzim sind wohl auch Mitglieder der Parteien, aber gegenüber den Lebens Problemen dieser Gruppen tritt das Interesse an der Parteizugehörigkeit ganz zurück.