Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Jabotinsky als Schriftsteller
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 48 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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BEMERKUNGEN J ABOTINS KY ALS SCHRIFTSTELLER x. In den Jahren, die auf die blutige Niederwerfung der ersten russischen Revolution unmittelbar folgten und bis zum neuen Anschwellen der Revolutionswelle dauerten, d. h. bis etwa zum Vorabend des Krieges, herrschte eine schwüle Atmosphäre im geistigen Rußland. Es war nicht allein die Müdigkeit nach verlorener Schlacht und das Ansammeln neuer Kräfte; viel tiefer als nur ins Gebiet des politischen Lebens ging der Schnitt der Reaktion. Wie es übrigens so oft in Reaktionsepochen geschieht, schritt man von der Umwertung der politischen und sozialen Werte schnell zu ihrer Verneinung fort und ebenso schnell griff man ins sittliche Gebiet über. Man fand keinen Sinn mehr im Leben und Kampf, man sah keine Ziele, für die es gelohnt hätte zu leiden und zu sterben, man spottete ironisch und überlegen über den abgelebten Idealismus der Väter; das Streben nach persönlichem Sichausleben, im banalsten Sinne des Wortes, wurde so stark, daß ganze Scharen der Jugend an den Rand des Zynismus geführt wurden; man verlor den Glauben an überpersönliche Werte, an die Güte des Menschen und die Zukunft der Menschheit, und die intellektualistischen Spielereien der „Gottsucher" (übrigens auch ein typisches Reaktionsprodukt) waren nicht imstande die erdrückende tötende Langeweile, die sich über das ganze russische geistige Leben ausbreitete, zu durchbrechen. Das alles konnte selbstverständlich seine Rückwirkungen auf die „jüdische Gasse" in Rußland nicht verfehlen und man war Zeuge einer unter der jüdischen Jugend vielleicht nie vorher gesehenen Entmutigung und eines moralischen Zerfalls. Die jüdische Jugend hatte der Revolution verhältnismäßig größere -persönliche Opfer gebracht als die russische; für sie bedeutete die Umwälzung geistig ungeheuer viel — es handelte sich für sie nicht nur um politische Befreiung, sondern auch fum eine außerordentliche Erweiterung des geistigen Ausblicks, um Verbrüderung mit einer neuen Welt, gegen die bis dahin nur Flüche erschollen waren; dazu kommt noch, daß die Bodenlosigkeit des jüdischen Galuthlebens das Gleichgewicht immer viel mehr gefährdet. So kam es, daß der Zerfall der „jüdischen Gasse", der auf die Niederlage folgte, vielleicht noch tiefgreifender als bei den Russen war, insbesondre bei der Jugend, zumal der größeren Städte. In diese Zeit fällt das Auftreten von Jabotinsky als Schriftsteller in Rußland, und zwar, anfangs wenigstens, in einer der größten jüdischen Städte, im-südrussischen Odessa. Die Atmosphäre der Reaktion hat seiner schriftstellerischen Physiognomie ihren deutlichen Stempel aufgeprägt, die jetzt, durch die Neuherausgabe seiner Schriften, der Beurteilung wieder zugänglich geworden ist1). Das will nicht heißen, daß Jabotinsky ein reaktionärer Schriftsteller wäre. Verbunden mit individuellen Eigentümlichkeiten des Schriftstellers gibt ihm aber die Reaktionszeit ihren besonderen Charakter, denn sie bestimmt seine geistige Entwicklung und den Kreis der ihn interessierenden Probleme. Diese individuellen Eigentümlichkeiten, der allgemeine Eindruck, den Jabotinskys Persönlichkeit macht, wie sie sich in seinen Schriften wiederspiegelt, soweit man von ihrem Inhalt abstrahiert, sind, in kurzen Worten gefaßt: rücksichtslose Offenheit, Mut, scharfe Stellung der Probleme und deren ebenso scharfe, einer längeren Diskussion sich unterziehende Lösung, dabei Inangriffnahme nur bestimmter begrenzter Probleme; nationaler Stolz, Kampfbereitschaft, Opferfreudigkeit. Mit diesen persönlichen Eigenschaften ist Jabotinsky an das jüdische Problem in einer Epoche der all« gemeinen Reaktion und der Prostration der russischen Judenheit herangetreten. In seinen Aufsätzen und in seinem Drama (das zweite Werk, „Das fremde Land", ist ein Schauspiel in Versen) nimmt er alle aktuellen jüdischen x) Wl. Jabotinsky, Feuilletons (russisch). Wl. Jabotinsky, Tschiuschbina (Das fremde Land). Salzmann-Verlag, Berlin 1922.