Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Bodenfrage und Bodenpolitik in Palästina
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 729 (sequence 2)
- Language
- German
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Bodenfrage und Bodenpolitik in Palästina 729 nützlich sei. So hat man sich denn wohl gehütet, einen entscheidenden Schritt zu tun, der insbesondere von der arabischen Bevölkerung schlecht verstanden werden und zu Unruhen, derer es ja ohnehin aus politischen Gründen genug gegeben hat, führen konnte. Es ist aber augenscheinlich, daß sich diese Taktik, die für die ersten Jahre zweckentsprechend sein mochte, auf die Dauer nicht wird fortführen lassen. Denn nirgends rächt sich das »Fortwurstein" mehr als in deir Bodenfrage, und die Erfahrungen, die in so vielen Ländern Europas und außerhalb Europas (England, Italien, Rumänien, Vereinigte Staaten usw.) gemacht worden sind, sind hiefür der beste Beweis. Zieht man noch hierzu in Betracht, daß für Palästina als bisher fast reines Agrarland die Agrarfrage (deren Teilausschnitt ja die Bodenfrage bildet), die Wirtschaftsfrage par excellence ist, daß aber anderseits das Land, als ein auf allen Gebieten des Wirtschaftslebens neu aufstrebendes erst vor kurzem in die Periode der - schnellen Städtebildung getreten ist, deren traurige soziale Folgen, das Wachsen der städtischen Bodenrente, die unglückselige Ordnung der Miet- und Wohnverhältnisse wir noch allzudeutlich in Europa vor Augen haben, so kann man sich die Gefahren, die dem Lande infolge der unglückseligen Verwirrung der Bodenverhältnisse drohenT^leicht vorstellen. Will man die Eigenart der palästinensischen Bodenfrage verstehen, so muß man ihre Entwicklung historisch zurückverfolgen. Palästina hat sich im Laufe der Türkenherrschaft, die über 400 Jahre (seit 1507) im Lande dauerte, immer mehr zu einem Lande des ausgesprochenen Großgründbesitzes entwickelt. Die Gründe dieser Erscheinung hier genau zu verfolgen, würde zu weit führen*). Sie liegen teils in der Eigenart der türkischen Gesetzgebung (Verfall des Landes bei dreijähriger Nichtbearbeitung mit nachfolgendem Verkauf an den Meistbietenden, Steuergesetzgebung), teils in der Unfähigkeit der Verwaltung mit ihrem lähmendem Einfluß auf das Wirtschaftsleben (Steuerverpachtung, allzulange Militärdienstleistung, Mangel eines geordneten Kreditwesens). Die Resultate dieser Entwicklung seien durch einige Zahlenangaben hervorgehoben: Nach Auhagen (Beiträge zur Kenntnis der Landesnatur und Landeswirtschaft Syriens) waren im Jahre 1907 im Ostjordanland nur noch 15%» im nördlichen Palästina (Galiläa) etwa 20°/o» im südlichen Palästina etwa 5o°/(> des Bodens in den Händen der Bauern. Alles darüber hinaus (wenn wir die, was Größe anbetrifft, nicht bedeutenden deutschen und jüdischen Kolonien außer Betracht lassen) war dem Großgrundbesitz anheimgefallen. Ein amtlicher Bericht des Wilajet Damaskus (dem ganz Ostjordanland gehörte) aus dem Jahre 1917 (mitgeteilt bei Ruppin: Syrien als Wirtschaftsgebiet, Berlin 1917) besagt, daß 60% <*es Bodens Großgrundbesitz, 15% mittlerer, 25% Kleinbesitz sind. Im Gebiete von Gaza und Beer-Seba (also in Südjudäa) besitzen Großgrundbesitzer 2 Millionen Dunam (1 Dunam *) Ich kann es mir umsomehr ersparen, als sie von Leon Schul man n in seiner Schrift: Palästina und die Feilachenwlrtschaft, Weimar 1915, sehr gut dargestellt worden sind. Heft 12 4.7