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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 12 · p. 726

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 12
Article
Papst, Judentum, Palästina
Date
1921-01-01
Page
726 (sequence 4)
Language
German
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726 Ariio 1 d Zweig: Stands legte, einst, im 10. bis 14. Jahrhundert, die einzige bildende Kraft des Westens war, und noch heute durch caritatives Wirken (z. B. des dritten franziskanischen Ordens) und geistige Erziehung (der Benediktiner und Jesuiten) Großes am Menschen leistet: Religion im okzidentalen Sinne, metaphysisch begründet, ethisch wirkend, den Unvollkommenheiten des Menschen in der Realisierung dieser Idee geduldig und im Vertrauen auf die Kraft des Glaubens — der kein Meinen, sondern eine Schau, eine Art Evidenz ist — Rechnung tragend, und der Idee nach dem weltlichen Staate übergeordnet, ja eigentlich ihn und seine Institutionen, weil liebeerfüllte Gemeinschaft, verzehrend und überflüssig machend, wie seit Augustin immer wieder, drastisch oder verhüllt, ausgedrückt worden ist. Nur im Lehramte, ex cathedra, sprechend, ist der Papst, Nachfolger Petri und Stellvertreter Christi, unfehlbar und autoritativ; im übrigen als oberster Priester zu beispielhaftem Leben verpflichtet und stets unter dem Auftrag, Stimme und Werkzeug des göttlichen Geistes zu sein, wie er in der Ecclesia sich darstellt. , Neben diese geistige Wirklichkeit, neben diese Idee stellt sich als Realität, als politische Wirklichkeit, der Vatikan, der die Herrschaft der Kirche über die Geister sehr realistisch in eine Herrschaft auch über die Volksteile verwandelt, die ihm religiös zugewandt sind, und zu ihrem leiblichen Wohle, zu Gunsten der Kirche, ihrer Ausdehnung und ihres Machtzuwachses. Hier ist „Kirche" - nicht mehr geistige Gemeinschaft, sondern politisch wirkende Organisation, geistig fundiert; hier heißt „geistig" nicht mehr Spiritual, sondern ist der Gegensatz-zu „militaristisch"; hier sind nicht mehr die Seelen der Priester oder Gläubigen das Substrat, sondern der ganze lebende und wollende Mensch: eine politische Macht, aufgebaut auf der Herrschaft über Gewissen und Gedanken, mächtig, imposant und sehr weltzugekehrt. Ihr präsidiert der Papst als Hirte der Völker, ein Fürst neben Fürsten, dessen Vasallen die klerikalen Parteien (und Regierungen) der Völker sind. Sehr selbständige Vasallen. Diese Parteien bestehen aus Zeitgenossen. Verbunden — aber sehr vage nur, sobald man das. Religionsmoment ausscheidet — durch gemeinsame Geisteshaltung, stehen sie programmatisch in ganz verschiedenen Zusammenhängen, sind (wie die Popolani in Italien oder die christlichen Gewerkschaftler), dem Sozialismus nahe, sind großkapitalistisch oder — die Christlich-Sozialen Österreichs — kleinbürgerlich orientiert, den Nationen und Staaten, deren Teile sie sind, aktiv ergeben und bemüht, einen weitestmöglichen Einfluß auf deren öffentliche Angelegenheiten zu gewinnen um andrerseits die politische Macht des Vatikans ihren Ländern zuzubringen. Sie auch, da sie Massenparteien sind, tragen im wesentlichen jenen „freiheitsfeindlichen" pfäffischen Zug ins Leben der Kirche hinein, der so charakteristisch für sie ist: jene Betrachtung der Künste und Wissenschaften unterm Gesichtswinkel des halbgebildeten oder anders, nämlich dogmatisch orientierten Frommen, der den Hirtenbriefen vieler Bischöfe und gelegentlich auch des Papstes einen manchmal rührenden, manchmal ärgerlichen Zug von mangelnder Sachkenntnis gibt. Als Haupt der Klerikalismen entfaltet der

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