Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 12
- Article
- England im Nahen Osten
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 714 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/3101111-3101175-3101188-3107545--5629-3107571- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
714 Hans Kohni Weg nach Persien und Belutschistan, ebenso wie nach Arabien und zum Suezkanal. Die Ereignisse der Jahre 1917 und 1918, die Deutschland und Rußland von der weltpolitischen Bühne auszuschalten schienen, ließen in der Phantasie britischer Staatsleute, vor allem des rücksichtslosen Imperialisten Winston , Churchill, den Gedanken eines mächtigen Middle-Eastern-Kolonialreiches auftauchen. Von Ägypten über den Hedschas, Palästina, Mesopotamien, Persien und Belutschistan sollte sich ein geschlossener Landgürtel bis nach Indien und Birma erstrecken. Eine Bahnverbindung von Kapstadt über Kairo nach Hinterindien, unterstützt von der Entwicklung des Luftverkehrs, sollte diesen ungeheuren Landstreifen zur Einheit binden. Den Seeweg bewachten Gibraltar, •Malta, Suez, Aden und die Bahreininseln. Zur Verwirklichung dieses Planes war es nötig, ein freundliches Verhältnis zu den Arabern herzustellen und sie zugleich den Türken gegenüber auszuspielen. In dem Scherif von Mekka und seiner Familiebot sich ein Mittel, eine arabische Dynastie für die verschiedenen Provinzen zu finden, und gleichzeitig die Hoffnung, die Kalifatfrage in einem antitürkischen Sinn entscheiden zu können. Das türkische Reich sollte soweit als möglich vernichtet werden; Konstantinopel und die Meerengen, die Großbritannien während des Krieges Rußland zugesprochen hatte, suchte es in unverhüllter oder verhüllter Form zu einem neuen Gibraltar auszugestalten, das ihm die schrankenlose Entscheidung über die Geschicke des Schwarzen Meeres gegeben hätte, damit auch eine stete Bedrohungsmöglichkeit Rußland, den Donaustaaten und dem Kaukasus gegenüber und vor allem die Beherrschung Batums, wo die Leitung der Petroleumröhren von Baku endet. In Konstantinopel sollte ein Vasallensultan eingesetzt und die türkische Macht auch in Kleinasien möglichst eingeschränkt werden.4 Als Werkzeug britischer aggressiver Politik gegen die Türkei und später als Polizei sollte der griechische Imperialismus dienen, den der begabte ehrgeizige ehemalige kretische Insurgent und Advokat Venizelos europafähig gemacht hatte. Hinter dieser antitürkischen Haltung des britischen Kabinetts oder vielmehr seines einzigen überragenden Geistes Lloyd George, der mit Winston Churchill und Lord Birkenhead ein sonst meist von Nullitäten umgebenes Trio in dieser Frage bildete, staken noch drei Gründe: Lloyd George, der ehemalige Liberale und Reformer, der in seiner Laufbahn und vor allem seit 1916 jedes einst verfochtene Prinzip und jede anständige Konsequenz immer wieder verraten hatte, schien in seiner Türkenfeindlichkeit der alten liberalen Tradition der Gladstoneperiode treu geblieben zu sein. Diese Treue wurde durch die Unterstützung bestärkt, die er von griechischer Seite erfuhr. Die großen griechischen Kaufherrendynastien, die Rallis, Rodocanachis, Mavrogordatos, Petrocochinos, Argentis u. a. hatten seit 150 Jahren durch die Beherrschung des westwärts gebundenen Kornhandels über Odessa und der ostwärts gelieferten Manchester Kalikowaren fabelhafte Reichtümer erworben. Ihnen gehörten zum großen Teile die