Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Zwei Brenner-Biographien
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 694 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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694 , Umschau: Kolonisation Pessimismus mit ein paar billige optimistischen besänftigenden Worten zu dämpfen.) . Brenner wußte: wir haben keine andere Hoffnung, als diesen letzten Rest, scheerith hapleta, in Palästina. Die paar Hunderttausende, die wir in absehbarer Zeit nach Palästina bringen können, sind wenig gegenüber der jüdischen Wirklichkeit Und da versuchen es dann einige, denen es nicht genügt, daß schear jaschub, daß ein paar Hunderttausende (wären wir doch so weit!) arbeiten und hebräisch leben, — sich die Perspektivenlosigkeit durch metaphysische oder politische Hoffnungen zu erleichtern. Das wäre weiter nicht schlimm, wenn nicht das Schicksal grausam genug wäre, diese Selbsttäuschungen immer wieder zu enthüllen und uns dann vervielfachter Verzweiflung auszuliefern. Demgegenüber Brenner: „Wir sind Söhne des jüdischen Volkes, uns selber treu, wir leben in unserem Volke, weil wir uns kein Leben außerhalb unseres Volkes vorstellen können. Ob unser Volk gut oder schlecht ist, wir bleiben bis zuletzt in seinem Lager, weil es für uns keine andere Sonne gibt, auch wenn wir in ihr alle möglichen Flecken finden. Wir müssen alle Kraft zusammennehmen und unser Leben besser und schöner machen; unsere Kultur schaffen, unsere Sprache festigen, uns unsere Gegenwart bauen. Wir wollen nicht von der Gnade der Bibel leben, die unsere Ahnen der Welt einmal geschenkt haben. Ein paar hundert Menschen beginnen, in Judäa und Galiläa, ein neues Leben, sie sind die letzte Hoffnung, die uns verblieb. Die Aufgabe, die sie auf sich nahmen, geht Über Menschenkraft, und oft fallen sie hin oder halten der Schwere ihres Lebens nicht stand; und die übrig bleiben, richten,ihre Blicke nach denen, die neu kommen werden, den Platz auszufüllen. Und indessen sind doch schon einige Lichtstrahlen aufgegangen ..." Wie bescheiden dieses Programm, wie klein neben allen Deklarationen. Er pflegte zu sagen (es war seine tiefste, täglich bewiesene Lebensweisheit): Der ganzen Welt können wir nicht helfen, aber jedem Einzelnen, der Hilfe braucht, sollen wir helfen zu jeder Zeit, in jeder Stunde. Er^sah den Einzelnen, nur den Einzelnen: er erlag nicht der Lüge der Verallgemeinerung, der Politik. Gewiß, hätten wir einen Wegweiser unter uns, es wäre schöner zu leben. Aber wir haben ihn nicht. So sei uns denn Brenner der ehrliche Erzieher, der uns sagt: es ist keine Aussicht in die Weite, ich wenigstens sehe keinen Weg. Und dennoch, und dennoch! Wäre dies Dennoch, dies Af-al-pl-ken der Treue doch immer lebendig in unserer Seele. Jerusalem, am Tage der Mandatsunterzeichnung. « Hugo Bergmann UMSCHAU KOLONISATION Das Gemeinschafts- und Wirtschaftsleben in der Siedldungsgenossenschaft von Merchawjah*) Merchawjah wurde fünf bis sieben Jahre hindurch kooperativ bewirtschaftet; nach Ablauf dieser langen Zeit zerbröckelte die Genossenschaft. Aus dieser Tatsache ziehen verschiedene Kreise unseres Jischuw verschiedene Schlüsse. Mancher kommt zum *) Wir bringen diese uns aus Palästina übersandte Geschichte der von Franz Oppenheimer begründeten Siedlungsgenossenschaft, verfaßt von einem Arbeiter, der sie von Anschluß, daß die Zerbröckelung der Kooperative von Merchawjah ein deutliches Zeichen des Bankrotts des Gedankens kooperativer Arbeit sei, und mancher kommt zum Schluß, daß das menschliche Element in der Kooperative ein für den Aufbau kooperativen Lebens ungeeignetes Material gewesen sei, und daß dieses die Schuld trage. Um über diese Erscheinung im Leben der Arbeiter Palästinas Aufklärung zu geben und Ansichten, die in ihren Voraussetzungen irrfang bis zu Ende erlebt hat, in etwas gekürzter Fassung, unter Streichung mehrerer wirtschaftstechnischen und anderer Details, die nicht von allgemeinerem Interesse waren. (Anm. d. Red.).