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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 11 · p. 693

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 11
Article
Zwei Brenner-Biographien
Date
1921-01-01
Page
693 (sequence 1)
Language
German
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BEMERKUNGEN ZWEI BRENNER-BIOGRAPHIEN Nun ist es schon mehr als ein Jahr her, seitdem Brenner auf dem Friedhof von Tel Awiw ruht. Ist er uns seither näher geworden? Haben wir begriffen, was dieser Mensch uns bedeuten kann? Zwei Biographien, beide in Palästina erschienen, regen die Frage an. Die eine (im Verlage Achdut haawoda) hat Alexander Süßkind Rabinowitsch zum Verfasser, diesen treuen Alten, der zur Partei der Jungen gehört. Die von ihm verfaßte Biographie, zu bald nach dem Tode des Freundes geschrieben, tat ihren Dienst der ersten Orientierung und wirkt durch die vielen Brenner-Worte, die sie aufnahm. Wichtiger ist die Lebensbeschreibung, deren Autor J. Jaari-Poleskin, der Verfasser des viel umstrittenen großen Buches „Lochamim weCholmim" ist. Foleskin stand Brenner durch viele Jahre sehr nahe, hat viele persönliche Aufzeichnungen (so die Rede Brenners auf der Haifaer Arbeiter-Konferenz 1920) und verfügte bei der Abfassung seines Buches über eine große Anzahl zerstreuter Aufsätze und Erinnerungen, die er sehr gut und gewissenhaft zu verwenden wußte, so daß Über die einzelnen Epochen im Leben Brenners und über seine Beziehungen zu manchen Personen, wie Sender Baum oder A. D. Gordon Wesentliches gesagt werden konnte. Eine Brenner-Bibliographie, mit einer für die hebräische Literatur ungewohnten Genauigkeit gearbeitet, beschließt das — bei David Scharek in Tel Awiw erschienene — Buch. Ißt, fragte ich, uns bewußt, was Brenner war, was er uns sein kann? Er ist, was die ganze heutige jüdische Generation dringender als alles andere braucht, Erzieher. Denn diese Generation irrt umher, führerlos; und täuscht sich unaufhörlich über die Wirklichkeit, will die Weglosigkeit n cht sehen, in der wir doch alle als Juden dieser Zeit zu leben verurteilt sind. Sie streuen sich und andern unaufhörlich Sand in die Augen. Der Sand ist zahlreich: einmal ist es das Spielen mit hoher Politik, ein anderesmal Chassidismus oder Neuchristentum oder ein irgendwie persönlichen Wünschen entsprechend zurechtfrisiertes Judentum (meist aus zweiter oder dritter Quelle). Immer wieder dasselbe Phänomen: wir müssen uns etwas vormachen, sonst, scheint es, können wir diese schreckliche, aussichtslose jüdische Gegenwart und Zukunft nicht ertragen. (Manchmal wäre man geneigt, auch den jüdischen Soziallsmus der palästinensichen Arbeiterschaft zu diesen billigen Tröstungen und Selbsttäuschungen zu rechnen. Ich glaube aber nicht, daß er hierher gehört. Er ist der "yVirklichkeit und ihren Bedürfnissen, nicht Programmen entsprungen.) Dies ist Brenners Größe: er hat sich nichts vorgetäuscht und blieb dennoch in Reih und Glied. Auch Berdyczewskl sah die Wahrheit, wie sie ist, aber er ging in die Einsamkeit von Friedenau, wurde Wissenschaftler, gab den Kampf auf. Brenner aber blieb Kämpfer — Publizist bis zu seinem letzten Tage und gab sein Bestes in Glossen zu aktuellen Fragen. Diese Glossen, die berühmten „Zljunim", zerstörten alle Illusionen und waren dennoch positiv. Und so war Brenners Lebensweg: durch alle Negationen hindurch bejahend — nicht aus Faradoxie, sondern aus Treue, weil wir doch nicht anders können, wenn wir leben. Den Zionismus gab er bald auf, .wurde Bundist, durchschaute die Täuschung und kämpfte bald leidenschaftlich gegen den wortemachenden jüdischen Sozialismus, ging nach Palästina und hielt sich da sein Lebenlang allen großen Hoffnungen fern. (Meiner Sünde gedenke ich heute: als Brenners Mlkan umikan erschien, 1911, und von der erschrockenen zionistischen Presse totgeschwiegen wurde, sah ich es als meine Pflicht an, Über das pessimistische Buch in der „Welt" zu schreiben. Aber ich glaubte es nicht tun zu können, ohne die schlichte Wahrheit de* Brennerschen

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