Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Neue Wege der Arbeiterschaft: Der Misrad
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 637 (sequence 1)
- Language
- German
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Umschau: Arbeiterbewegung in Palästina 637 ARBEITERBEWEGUNG IN PALÄSTINA Neue Wege der Arbeiterschaft: Der Misrad I. Die Bildung eines nichtlandwirtschaftlichen Proletariats in Erez Israel. Bisher ist in der Literatur Über genossenschaftliche Bewegung in Erez Israel der Entwicklung der landwirtschaftlichen Genossenschaften eine viel größere Beachtung geschenkt worden, als der industriellen Und das mit gutem Grund. Vor dem Krieg beschränkte sich die Siedlungsarbeit im wesentlichen auf die Landwirtschaft, und soweit genossenschaftliche Probleme in Frage kamen, spielten sie nur in der „eigentlichen" Siedlungsbewegung eine Rolle. Eine jüdische Industriearbeiterschaft hat es, von gelingen Ausnahmen abgesehen, vor dem Krieg in Erez Israel nicht gegeben. Die Arbeiterfrage war in dieser Zeit eine Landarbeiterfrage, und die Problemstellung war immer nur die, wie die Landarbeiterschaft zur Ansiedlung zu bringen sei. Das hat sich nach dem Kriege mit einem Schlage geändert. Die dritte Alijah hat annähernd 12000 Arbeiter ins Land gebracht, während die Zahl vor dem Kriege höchstens 2500 betrug Die landwirtschaftliche Siedlungstätigkeit hat mit dieser Entwicklung nicht Schritt gehalten; dagegen hat die Ausführung großer öffentlicher Arbeiten durch die Regierung, die seit einem Jahr immer stärker einsetzende Bautätigkeit und das Erwachen einer zwar noch schwachen,' aber wachsenden Industrie zur Schaffung einer nicht kleinen Industriearbeiterschaft geführt. Nicht klein besonders dann, wenn man in Betracht zieht, daß die jüdische Industriearbeiterschaft auch im Galuth zahlenmäßig bisher nicht bedeutend war. Mit dieser in ihren Konsequenzen, ihren Problemstellungen und Lösungen nicht genügend beachteten Entwicklung hat in der Arbeiterschaft selbst das Bestreben eingesetzt, zu neuen Formen zu gelangen. Als Markstein dieser Entwicklung ist die Haifaer Tagung der Gesamtarbeiterschaft vor i1^ Jahren zu betrachten, die die Gründung der „Histadruth haowdim" brachte. Gleichzeitig wurden fast alle wirtschaftlichen Gründungen der Parteien in die neue Gesamtgewerkschaftorganisation Überführt. Von diesem Augenblick an sind die Phasen des Weges der Arbeiterschaft in noch weit stärkerem Maße als vorher von rein ökonomischen im Gegensatz zu politischen und parteipolitischen Gesichtspunkten beherrscht*). Die Gegensätze innerhalb der Arbeiterschaft sind ebenfalls von diesem Augenblick an einer Neuorientierung unter- *) Es wird allerdings noch davon zu sprechen sein, daß neue parteipolitische Gegensätze sich in wirtschaftliche verkleiden. worfen. Der Gegensatz, der früher zwischen Achduth Haawodah und Hapoel Hazair in Fragen seelischer Einstellung zur Form der Siedlung, zu Chaluziuth und Taktik des nationalen Soziallsmus ging, ist beendet. Mit der Gründung der Histadruth erlischt der letzte Funke einer in Wirklichkeit nichtmehr existierenden Gegensätzlichkeit; neue Fragen, neue Kämpfe treten auf. II. Entstehung und Geschichte des Misrad. Alle diese Kämpfe gipfeln in dem überaus interessanten und für die Zukunft Erez Israels voraussichtlich sehr wichtigen Versuch der Arbeiterschaft, die von der Regierung, der zionistischen Organisation, den weiteren Kolonisationsgesellschaften und Privaten übergebenen Arbeiten in eigner Regie zu Übernehmen und darüber hinaus zu genossenschaftlicher Eigenproduktion zu schreiten. Damit wird der Plan einer zentralen Industriegenossenschaft in einer Form aufgenommen, die von höchstem Interesse ist, und wichtige Beiträge zur Erkenntnis jüdischer und proletarischer Zusammenhänge liefert. Die Haifaer Konferenz hat gleichzeitig mit der Gründung der Histadruth die Errichtung einer „Kooperative für öffentliche Arbeiten" (Misrad la-Awodoth ziburioth) beschlossen, die die bisher von den politischen Parteien Hapoel Hazair und Achduth Haawodah geleiteten öffentlichen Arbeiten zu übernehmen und fortzuführen hat. Dieser Misrad hat sich seitdem zur Kooperative für öffentliche Chaussee-, Drainage- und Bauarbeiten sowie alle damit zusammenhängenden Zweige (Tischlerei, Metallgewerbe usw.) erweitert. Die Darstellung des inneren Wesens dieser Kooperative, die die Arbeiten mit einer Arbeiterzahl von über 2000 Arbeitern übernahm (zeitweise sank diese Zahl auf 1200, stieg aber am 1. Juni 1922 wieder auf Über 2000) wird Gelegenheit geben, in eingehender Darstellung die Gesamtprobleme der Industriearbeiterschaft des heutigen Palästina zu streifen. Wir werden zunächst einen kurzen Ueberbllck über das Tatsächliche geben, um dann zum prinzipiellen Hauptteil überzugehen. Die Parteien hatten im Jahre 1920 von der Regierung den Bau der 4 großen Kwischim Tiberias-Zemach, Tiberias-Tabdo, Afule-Nazareth und Haifa-Djedah bekommen und zu diesem Zweck von der zionistischen Organisation größere Anleihen erhalten. Der Gesamtwert dieser 4 Arbeiten betrug 150300 äg. Pfd. (im ganzen wurden vom- Misrad bis zum 1. April 1922 Arbeiten im Gesamtwert von 322000 äg. Pfd. ausgeführt). Die Zahl der Arbeiter an den 4 Chausseen betrug im Anfang etwa 1200; in weiteren Arbeiten waren noch ungefähr 1000 Arbeiter beschäftigt. Auch diese Arbeiten waren fast ausschließlich Chausseearbeiten und Arbelten für die Bahnverwaltung (z. B. Zufin, Ras-El-Ain). Diese