Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 622 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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622 Martin B u b -e r: angeschlagen, wenn sie von hervorragenden, in Erez Israel lebenden Frommen unmittelbar an den heiligen Stätten und Gräbern gesagt werden. Außer an diesen, wird selbstverständlich in Erez Israel auch in den Bethäusern Thillim (Psalmen) gesagt und beim Verlesen der Torah der traditionelle Segensspruch (Mi Scheberach) für die Genesung des Kranken gesprochen. Über die Ausführung des Auftrags wird die Familie brieflich, mitunter sogar telegraphisch verständigt, worauf sie den betreffenden Personen bezw. Institutionen eine entsprechende Geldspende zukommen läßt. N (Schluß des Abschnitts folgt.) MÄRTIN BUBER / DIE HEIRAT DES BAALSCHEM (Aus einer Lelensgeschichte) In seiner Jugend war Israel ben Elieser Hilfslehrer in einer kleinen Gemeinde unweit der Stadt Brody. Die Leute wußten nichts von ihm; weil aber die"Kinder mit einem so fröhlichen Eifer bei ihm lernten, wurden auch die Väter ihm wohlgesinnt. Bald verbreitete sich der Ruf, daß er weise sei; man kam zu ihm sich Rats erholen; wo es einen Streit gab, wurde der junge Lehrer angegangen ihn zu schlichten. Er tat es so, daß der Mann, gegen den er entschied, den Spruch mit nicht geringerer Zufriedenheit vernahm als sein Gegner, zu dessen Gunsten entschieden worden war, und beide guten Muts von dannen gingen. In Brody lebte zu jener Zeit ein großer Gelehrter, Rabbi Gerschon Kitower. Dessen Vater, Rabbi Abraham, hatte einen Rechtshandel mit einem Mitglied der kleinen Gemeinde, deren Kinder der Baalschem lehrte. Er suchte seinen Gegner auf und schlug ihm vor, sie wollten beide nach Brody fahren und das Urteil des geistlichen Gerichtshofs" anrufen. Jener aber erzählte ihm von der Weisheit, und Gerechtigkeit des jungen Lehrers, bis er willens wurde, ihn zu befragen. Als er dessen Stube betrat und ihn ansah, erschrak er; denn von der Stirn Israels leuchtete ihm ein geschwungenes Zeichen entgegen, vollkommen gleich dem unvergeßlichen, das er einen Blick lang auf der schmalen Stirn der eigenen Tochter gesehen hatte, als ihm einst die Wehemutter die neugeborene wies. Mit schwerer Zunge brachte er sein Anliegen vor; doch wie er die gesenkten Augen wieder erhob, war das Zeichen verschwunden. Israel hörte zu, fragte, hörte wieder, dann sprach er das Urteil; und alsbald zog in die Herzen beider Männer, die es vernahmen, der Friede ein, denn ihnen war, als sei das lichte Recht selber aus der Nebelwand der Meinungen hervorgetreten. Hernach kam Rabbi Abraham zum Baalschem und bat ihn, er möge seine Tochter zum Weibe nehmen. Israel stimmte ihm zu, bestand aber auf einer zwiefachen Bedingung: daß die Vereinbarung zunächst geheim bleibe, und daß in der Urkunde, die aufgesetzt werden sollte, nicht —,wie