Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Palästinas Eintritt in die moderne Weltwirtschaft
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 601 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Rafael Selignuann: Modernes Judentum ßoi Was an diesem ganzen Prozeß, der nun über 70 Jähre dauert, jedem Beobachter auffallen muß, ist das keineswegs harmonische Zusammenwirken und die meist unbeabsichtigte Wirkung der einzelnen treibenden Kräfte. Abgesehen von der politischen Verwaltung des Landes und (teilweise) der jüdischen Kolonisation war es keinem einzigen Faktor wirklich um den Aufbau der Volkswirtschaft Palästinas zu tun. Die günstige Wirkung stellte sich nur so nebenbei, oft zufällig ein. So ist es denn zu verstehen, daß diese verschiedenen Faktoren nicht nur zusammen, sondern auch oft gegeneinander arbeiteten und sich gegenseitig zum Schaden des Landes störten. An einer ordnenden Kraft aber, die sie alle hätte zusammenfassen und in der Richtung der zweckmäßigsten Förderung des Wirtschaftslebens des Landes lenken können, fehlte es die ganze Zeit. RAFAEL SELIGMANN / MODERNES JUDENTUM Wenn im Judentum Religion und Nationalität zusammenfallen, kann es nur folgenden Sinn haben: Es ist eine Religion gegeben, die ausschließlich an dieses so und so beschaffene Volk und kein anderes in der Welt gebunden ist; von der anderen Seite besehen läuft dieser Satz auf das Folgende hinaus: Es ist ein Volk gegeben, das als der einzige und alleinige Träger der so und so beschaffenen Religion zu gelten hat. In dem Gedanken der Auserwähltheit hat diese Ausschließlichkeit ihren markantesten Ansdruck gefunden. Und in der Tat war das jüdische Volk bis zur Epoche der großen Emanzipation, will sagen all die Zeit als es sich noch e5s Volk fühlte, vom Gedanken der Auserwähltheit in allen seinen Teilen durchdrungen. In der Tat muss man auch sagen, daß im Gegensatz zu allen anderen Völkern das jüdische Volk aktiven und unmittelbaren Anteil an den Schöpfungen des nationalen Geistes nahm. Wie verhielt und wie verhält es sich in diesem Punkte mit den anderen Völkern? Dort sind die geistig kulturellen Errungenschaften entweder ein unvorausgesehenes Resultat von inneren sozialen Kämpfen oder die Frucht von Anstrengungen seitens besonderer auserlesener Geister. In beiden Fällen beteiligen sich^ die Massen des Volkes nur auf Umwegen und in unbewußter Weise an den Produktionen einer ihnen zugeschriebenen Kultur. Die sozialen Reibungen entstehen aus wirtschaftlichen und innerpolitischen Gründen. Wenn diesen Reibungen hin und wieder Funken von Kultur entsprühen, so kommen sie sicherlich unbeabsichtigt und ohne bewußtes "Zutun seitens der Volksmassen. In noch fernerem und loserem Zusammenhange mit den schaffenden Kräften der Nation stehen die Erzeugnisse der etwaigen auserlesenen Geister. Hier ist die Beteiligung der Massen eine rein formale, eine vollständig unbewußte und ungewollte. Ohne es zu wissen und ohne es zu wollen verleiht hier die Masse diesen oder jenen Erzeugnissen der Heft 10 39