Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Palästinas Eintritt in die moderne Weltwirtschaft
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 594 (sequence 7)
- Language
- German
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594 Arjen Tartakower: Europa gebracht, um das Handwerk im Lande zu heben. Aber auch von den Klöstern aus widmeten sich viele Ordens- oder Laienlehrer der Förderung des Handwerks durch Belehrung der Bevölkerung. Auch in landwirschaftlicher Beziehung suchten die Mönche neue Kulturen einzuführen oder bestehende zu verbessern. So wurde der Weinbau in vielen Gegenden Palätinas erst durch die Tätigkeit der Klöster bekannt, und wo er, wie in Bethlehem, Nazareth oder Hebron, zu größerer Entwicklung gelangte, ist es in erster Reihe der unermüdlichen Tätigkeit der Missionsanstalten zu verdanken. Nicht zu vergessen wäre schließlich, daß die ersten modernen Druckereien im Lande durch die Missionsanstalten begründet wurden. Um nun schließlich auf den Pilgerverkehr zu kommen, so war dessen Bedeutung für das Land natürlich in erster Reihe die, daß dadurch viel Geld ins Land floss. Diesbezüglich war Palästina bis um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts nicht besonders gut bestellt. Allerdings war die Zahl der Pilger immer eine ziemlich große gewesen. Sie betrug in der ersten Hälfte des Jahrhunderts durchschnittlich 5000 JVIann jährlich. Die Pilger, die damals ins Land kamen, kamen jedoch fast ausschließlich aus dem Osten, insbesondere aus Rußland und Armenien, und zwischen ihrem Kultur- und Wirtschaftsstand und dem der Bevölkerung war kein großer Unterschied. Sie fristeten ihr Leben oft durch Bettelei und so waren denn die Einkünfte, die sie dem Land brachten, minimal. Meist waren es bloß die Tribute, die den Türken und Arabern bezahlt werden mußten für die Erlaubnis, die heiligen Stätten zn besuchen, während die eigentliche Bevölkerung leer ausging. Die oben erwähnte religiöse Bewegung um die Mitte des vorigen Jahrhunderts brachte in dieser Beziehung eine entscheidende Aenderung. Die Zahl der Pilger wuchs auf mehr als das Doppelte, und ihre Zusammensetzung änderte sich bedeutend. Immer größer wurde der Anteil der Pilger aus dem Westen an der allgemeinen Pilgerbewegung. Es entstanden in den westliehen Ländern Europas besondere Gesellschaften, die sich die Förderung der Pilgerbewegung nach dem Heiligen Lande zum Zwecke machten. Den Anfang machte Frankreich durch Gründung des Vereins für das Oeuvre des Pelerinages en Terre Sainte im Jahr 1853. 1855 wurde die Wiener Gesellschaft vom St. Severin begründet, 1873 entstanden ähnliche Gesellschaften in Italien und Bayern. In demselben Jahr wurde in Frankreich eine besondere Zeitschrift „Le Pelerin" gegründet, deren Ziel die ununterbrochene Anrufung zu Wallfahrten sein sollte. Gleichzeitig trachteten auch die Regierungen die Pilgerbewegung zu fördern. Auf ihre Anregung führten fast alle Schiffahrtsgesellschaften ermäßigte Tarife für Pilgerüberfahrten ein. In Palästina selbst wurden Pilgerhäuser und Herbergen auf Kosten der verschiedenen Staaten gegründet (zuerst von Oesterreich durch den Bau eines großen Pilgerhauses im Jahre 1873 mit einem Kostenaufwand von 270000 Gulden), und auch die Klöster stellten sich, bereitwillig in den Dienst der Sache, indem sie die durchwandernden Pilger aufnahmen und unentgeltlich bewirteten. Die Wirkungen dieser Maßnahmen zeigten sich