Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Kunstausstellungen in Jerusalem
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 584 (sequence 2)
- Language
- German
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Umsohau: Berichte von jüdischem Leben Vergleich zu der Schatzschen Kunstepoche — jungen Künstlern ist dies, daß sie nicht mehr gedankenüberladene Programmkunst produzieren wollen, sondern einfach malen, was ihnen unter die Augen und vor die Phantasie tritt — in der mehr oder minder bewußten Erwartung, daß das Werk allein dadurch, daß ein in Palästina lebender jüdischer Künstler es malte, einen jüdischen Charakter erhalten muß. Immerhin ist die Stoffwahl durch das gemeinsame Milieu und die allgemeine Gedankenrichtung der ganzen Gemeinschaft natürlich begrenzt. Vier Motive kehren .unweigerlich in fast allen ausgestellten Werken wieder: das Gesicht des orientalischen Juden, die palästinensische Landschaft, die jüdische Historie und die Wüste. In dieser Verbindung der Stoffe könnte sich nur dann ein Beginn nationaler Kunst verraten, wenn sie eine typische Behandlung erführe. Von einer solchen ist aber noch gar keine Rede. Die Wüstenbilder von Ben David z. B. — zart in den Farben, aber nicht sehr eindringlich in der Gliederung der Gruppen — sind nur Orient in der Beleuchtung durch einen europäischen Außenseiter, der von der leuchtenden Oberfläche der Erscheinungen geblendet ist und - den es vor den Gefahren einer unbekannten Welt gruselt. Die Rab ansehen Miniaturen sind — trotz ihrer Bibelthemen — ebenso europäisch überlegen wie etwa Dulacs Illustrationen zu 1001 Nacht. Die Landschaften bleiben noch so im Dekorativen stecken, daß man ein besondres Verhältnis zwischen Mensch und Schöpfung noch nicht fühlt, und dasselbe gilt von den zahlreichen Straßen-, Markt-, und Volksszenen, die sich alle mit der dekorativen Wirkung begnügen. Nicht einmal in den beiden Bildern von Jerusalem von Schur und Feldmann, von denen das erste in dämmerlichtigen Pastelltönen schwelgt, während beim zweiten überhaupt auf jedes Leuchten der Luft verzichtet ist, findet sich ein Zug, dem nicht ein Christ oder Mohammedaner aus irgend einem Lande ebensogut hätte erfühlen können. Eine Reihe von Porträttypen, unter denen wohl der stärkste der tunisische Jude von Gur Ar je ist, sind vor allem durchs den Stoff interessant, indem sie das jüdische Antlitz nicht mehr im Ghetto, sondern auf den offenen Straßen des Orients suchen — aber auch diese jemenitischen und sonstwie exotischen Juden haben eine verdächtige Aehnlichkeit mit dem Kulissen-Orient, der eine Weile lang in Pariser und Münchener Ateliers so beliebt war. Ein einziger hat versucht, den ganz neuen idealen Juden typ darzustellen; in seinem Bilde „Der Pionier" sucht Gur Arje das Gesicht des jungjüdischen Palästina-Arbeiters festzuhalten. Es Ist ihm keineswegs gelungen, die eindringlichen, ja erschütternden Züge dieses neuen Judentypus festzuhalten, und man fragt sich, ob es einem, der sich so konventioneller Kunstmittel bedient,überhaupt gelingen konnte. Merkwürdig ist es übrigens, daß dieses Bild der einzige Versuch ist, etwas von der neuen Welt, die in unsere alte eingebrochen ist, auszusagen. Steht wirklich dieser junge Künstlerkreis noch so unter dem Banne europäischer Tradition, daß er an dieser neuen Welt vorbeisieht? Oder hat das Bewußtsein, daß dieses Neue noch zu chaotisch ist, um festgehalten zu werden, sie von seiner Darstellung ferngehalten? Oder fühlten sie, daß diese ganz neue Lebensform auch eine neue Kunstform erfordert, der sie selbst noch nicht gewachsen sind? Das überhaupt wirkt hier erstaunlich: nicht eine Spur von der Erschütterung und dem Drang zu neuem Werden unsrer Zeit; alles bürgerlich-geruhig, wie vor zwanzig, dreißig Jahren. Ein einziger ist da, ein ganz Junger, Charubi, dem vielleicht Kraft zur Erfassung des Gärens und Kreißens seiner Zeit wachsen wird: an seinem „Felsen" und seinem „Riesen" ist etwas von der Hingabe, nach der man sich in dieser Ausstellung sehnt. Irgend etwas, was man nicht , im alten Europa schon längst und besser gefunden hätte, gibt es hier nicht. Eine — die Künstlerin S. Levi — hat wenigstens ihr Material dem Stil des Landes angepaßt, indem sie ihre Bilder mit Stoff, Nadel und Faden als Wandteppiche malte. Und einer — Jedldiah — unterscheidet sich von den anderen dadurch, daß er seinen künstlerischen Ausdruck im Ornament sieht. Seine Ornamente bauen sich auf dem hebräischen Buchstaben auf, sind hübsch in Form und Farbenzusammenklang, im ganzen aber doch nur für dekorative Kleinkunst geeignet. Um eine ernsthafte, künstlerische Ornamentik zu schaffen, die auch die großen Flächen eines Teppichs, eines Glasfensters, einer Mauerfassade zu künstlerischem Leben bringen, einen starken menschlichen Gedanken im Ornament ausdrücken könnte, müsste er es wohl aufgeben, sich an den Buchstaben zu klammern, sondern er müßte aus sich heraus neue Grundformen gebären. Fazit: die jungen jüdischen Künstler in Palästina wagen es, wieder Menschen ohne nationales Kunstprogramm zu sein, und das gibt ihren Werken einen frischen, menschlichen Zug. Ihre Erwartung, daß sich in ihnen neben dem allgemeinen Menschlichen das besondre Jüdische von selbst manifestieren werde, ist noch unerfüllt. Ihre Leistungen sind — wenn man von ihnen verlangt, was man von jungen europäischen Künstlern mit geringen Ausbildungsmöglichkeiten verlangen würde, nicht unbefriedigend. Wenn man von ihnen etwas ganz andres, eine neue Kunst, die Ausdrucksform für das neue Menschen- und Judentum in Palästina verlangt, so geben sie noch keine einzige Erfüllung, nicht einmal eine Erwartung. Helene Hanna Cohn Für die Redaktion verantwortlich: Dr. Gustav Krojanker, Berlin. — Jüdischer Verlag, Berlin. Druck Von Zahn <fc Baendel, Kirchhain N.-L.