Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Kunstausstellungen in Jerusalem
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 583 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Berichte von jüdischem Leben 583 BERICHTE VON JÜDISCHEM LEBEN Kunstausstellungen in Jerusalem In Jerusalem gibt es augenblicklich zwei Kunstausstellungen (eine — aus den Werken von Professor Schatz bestehende — im Bezalel und eine von der Vereinigung jüdischer Künstler veranstaltete im Hause der -Zionistischen Exkutive). Das ist an sich schon eine Tatsache, die den vielen jetzt in Palästina weilenden Fremden einen Aufschluß über die Wesensart des neuen Palästina zu geben vermag. Zeugt sie doch von dem kulturellen Bedürfnis der jungen Siedlerschar, die mitten in ihrem ersten Ringen, im wahren Sinn des Wortes Boden unter die Füße zu bekommen, schon nach den reifsten Früchten am Baume der Kultur ausblickt. Bedürfnisse, die den Siedlern in Amerika, in Kanada, in Australien erst nach einem jahrhundertelangen Leben der Primitivität erwachten — in Palästina treten sie schon heute, nach zwei Jahrzehnten zu Tage, sind also augenscheinlich schon mit der ersten Generation jüdischer Siedler ins Land gebracht worden. Noch etwas beweist vdie Tatsache, daß man inmitten der ungewöhnlich lebhaften Hautesaison zwei ganz nach europäischem Muster aufgemachte Kunstausstellungen veranstaltet hat: daß man vorläufig im Kunstleben neue Formen noch nicht gefunden hat, sondern sich noch ganz auf eine Imitation europäischer Vorbilder beschränkt. Das bezieht sich vorläufig nur auf die Vorführung der Kunst — wie weit es auch für die Kunst selber richtig ist, muß noch gezeigt werden. Für die Ausstellung im Bezalel 'kann es aber gleich vorweggenommen werden: auch innerlich ist die Abhängigkeit von Europa unverkennbar. Alle diese Schatzschen Typen alter Männer und alter Frauen, die da in Stein und Kupfer, in Silber und Elfenbein vor uns stehen, sind mit den Augen eines* Europäers,, der sich an dem herkömmlichen europäischen Begriff eines Studienkopfes geschult hat, gesehen. Was den konservativen Charakter der Schatzschen Bilder, die nur zufälligerweise — manchmal will es scheinen, nur deshalb, weil der Künstler keine Beziehung zur Farbe finden konnte — Skulpturen wurden, noch auffälliger macht, sogar die Stoffe selbst sind Europa, nämlich das europäische Ghetto. Wer zwei oder drei Köpfe von Schatz kennt, der kennt den ganzen Radius seiner Ausdrucksfähigkeit: die verdrückte unti bekümmerte Greisengestalt des Ghettos, die sich mit engen, spitzen Bewegungen das Buch oder den Strickstrumpf vor die Nase hält. Zu der Enge und Gedrücktheit des Stoffes kommt die der Perspektive, für die es charakteristisch ist, daß fast allen Gestalten ein Brett auf dem Kopf liegt. Diese Enge erweckt den Eindruck einer bedrückenden Dürftigkeit, und an ihr ändert keine noch so sorgfältige Durchbildung der Plastik in allen den verschiedenen Stoffen und Metallen, in denen sie wiederkehrt, etwas — in Kupfer wie in Silber bleibt es immer die gleiche schwere, farbenlose Ghettoarmut. Man wundert sich, daß nach so vielen Jahren im Lande eines fast endlosen Horizonts und leuchtender Klarheit Schatz niemals der Moment gekommen ist, in dem es ihn gedrängt hat, seinen Juden das Brett, das ihnen auf den Kopf Hegt, aufzuheben und Licht und Luft einer neuen jüdischen Welt in seine Ghettowelt hineinzulassen. .Man würde vielleicht weniger Kritik an Schatzs Leistungen als Künstler und jüdischer Künstler herantreten, wenn er nur ein frei Schaffender und nicht zugleich der Leiter der einzigen jüdischen Kunstschule wäre; da er er es aber ist, kann man nicht umhin, sich zu fragen, wie diese ängstlich greisenhafte Abschließung vor einer neuen Welt des. Lichts und der Ferne auf die Entfaltung eines jungen Künstlergeschlechtes wirken muß. Der Leiter des Bezalel sollte besonders* weite Horizonte haben! Nach dem Besuch im Bezalel erscheint einem die — im ersten Moment verwunderliche —^ Tatsache, daß Schatz sich von den im Hause der Exekutive anstellenden Malern und Bildhauern separieren zu müssen glaubte, nicht mehr sosmerkwürdig. Denn tatsächlich ist dort — was auch über Wert oder Unwert der einzelnen Werke noch zu sagen sein wird — eine ganz andere Generation vertreten, eine viel jugendlichere, färben- und lebensfrohere Generation, die mit dem alten Ghettojuden mit dem Brett vor dem Kopf und der Brille auf der Nase nichts mehr zu tun hat. Damit soll nicht gesagt sein, daß die Ausstellung der Gesellschaft jüdischer Künstler gegenüber der Schatzschen Ausstellung schon einen großen Fortschritt im künstlerischen Können repräsentiert. Die ca. 200 Arbeiten, die dort gezeigt werden — von etwa 30 Ausstellern — haben zwar, mit wenigen Ausnahmen, ein •ganz erträgliches Niveau; es sind sogar einige sehr erfreuliche Sachen darunter, aber ein wirklich starkes Können und eigenartiges Schauen ist hier nicht zu finden. Wen dürfte das in Erstaunen setzen? Für die im Auslande fertig gewordenen Großen ist die kleine palästinensische Gemeinschaft noch zu eng, und daß diese selbst in zwanzig Jahren der Entwicklung, bei fortwährendem Fluten neuer Elemente, schon so fest gefügt sein soll, um eine eigne Kunst zu erzeugen, darf man nicht erwarten. Aber selbst zu einer dem zeitgenössischen Kunstschaffen Europas ebenbürtigen künstlerischen Produktion fehlen hier, wo die jungen Maler weder durch erfahrene Meister noch durch unmittelbares Anschauen der Meisterwerke alter Zeiten geschult werden, alle Vorbedingungen. Wenn man aber nicht den Fehler begeht, an die palästinensische Ausstellung den Maßstab europäischer Kunstausstellungen anzulegen, so findet man in ihr manches Erfreuliche. Das Erfreulichste an diesen — im