Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Grundsätzliches zur Siedlungsarbeit
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 582 (sequence 5)
- Language
- German
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5Ö2 Umschau: Kolonisation ein. Dagegen wird eine jede selbständige jüdische Unternehmung unsere Macht im Lande im vollen Verhältnis zur aufgewendeten Arbeit vergrößern, ohne irgendjemand dabei zu schaden. Diese Regel sei der Prüfstein für die zu erbauenden Häfen im Lande. Ohne Zweifel müssen wir uns bestreben, die Erlaubnis zum Bau von Hafenanlagen, in Haifa und Jaffa, entweder ~ aus eigenen Mitteln oder in Gemeinscliaft mit der Regierung oder mit den Eingeborenen, zu erhalten. Aber vor allem müssen wir uns einen jüdischen Hafen erbauen — so weiträumig, als unsere Kräfte es eben gestatten — an einer für uns wichtigen Stelle, der außerhalb aller Konkurrenz (von welcher Seite auch immer) steht, und_dessen ganzer Nutzen uns zufallen soll. Der Wert des Hafens liegt nicht allein in ihm selbst, sondern auch in der freien Wirksamkeit rings um ihn. Weil sich nun das erste erweiterte Arbeitsfeld im Süden des Landes uns öffnet, ist es selbstverständlich, dass dort auch das Tor sein muss. Neben der. neuen jüdischen Küstenstadt im Süden des Landes wird auch der jüdische Hafen erbaut werden. Diesen Weg werden alle Einwanderer gehen und schon ihr erster Schritt auf unserem Boden wird mitten unter Brüdern geschehen. Dieser Hafen wird der Schlüssel sein für den ganzen Süden des Landes vom Mittelländischen Meer bis zum jenseitigen Ufer des Toten Meeres bis Moab und von Gasa bis zur Mitte der Sinaihalbinsel, wo wir unsere Arbeit in dem Maße zu erweitern hoffen, deß wir mit Hilfe neuer Arbeitsmethoden dort große Siedlungen für Landwirtschaft und Industrie begründen können. Der zweite Hafen sollte im früheren Eilat, dem Akba von heute, gleichzeitig mit dem Anfang der erweiterten Siedlungsarbeit im Süden errichtet werden, an jener Stelle wo einst König Salomo einen Kanal zum Persischen Golf und zum Indischen Ozean angelegt hat Ueber Handel und Industrie wird bei uns viel herumgeredet. Gibt es denn auch bei diesem Teile unserer Arbeit keinen Unterschied der Wichtichkeit? Ist jeder Handel vorteilhaft? Brauchen wir jede Industrie? Obwohl die Aufbauarbeit von allen Seiten aus angegriffen und in das Land ein Geist von Arbeit und Wirksamkeit gebrächt werden muß, ist Verständnis notwendig für unsere Tätigkeit nach der Hauptforderung einer nationalen Selbständigkeit. Man muß zwischen der verarbeitenden und der wirklich produktiven Industrie unterscheiden. Eine Industrie, die auf Erzeugnissen fremder Arbeit beruht, darf nicht die Grundlage für den Aufbau unseres Landes bilden. Z. B. ist bei der Wahl zwischen der Oelfabrikation aus Feld- und Gartenfrüchten und der Glaserzeugung die letztere vorzuziehen, weil sie uns bodenständiger macht und ein unproduktives Zwischenglied zwischen uns und der Verwertung der Bodenprodukte beseitigt. Eine verarbeitende Industrie hingegen macht uns von den nichtjüdischen Arbeitern des Landes abhängig, verwandelt uns in Händler und zwingt uns die nichtjüdische Landwirtschaft dadurch zu förden, daß wir ihre Produkte vorausbezahlen, durch Anbaukredite und durch Arbeitsverbesserungen, damit wir ihren Ertrag vermehren, den wir für unseren Handel und Industrie brauchen. Eine gegenseitige Unterstützung zum Vorteil beider Beteiligten ist zwischen uns und den Eingeborenen so lange unmöglich, als ein Teil ökonomisch vom anderen abhängig ist. An Stelle der Unterstützung würde sich somit ein starker Gegensatz ergeben. Nur als Gleiche und voneinander Unabhängige im volkswirtschaftlichen Sinn können wir in ehrenvolle Beziehungen tretan, die gegründet sind auf gegenseitige Hilfe, Vertrauen und Kraft. Das Wesen des Galuth kann als ein Ueberschuß von Beziehungen zwischen den Juden und Ihrer Umgebung bezeichnet werden. Und die Hoffnung auf ein Wiederaufleben enthält die der Erlösung von diesem Uebermaß von Beziehungen. Das Verhältnis der jüdischen zur nichtjüdischen Volkswirtschaft muß ein gleichmäßiges sein. Unsere Industrie soll so weit als möglich direkt auf den Hilfsquellen und Produkten der Natur: der Erde, der Luft und des Wassers beruhen. Dieses Prinzip muß unsere Arbeit beherrschen als ein Regulator für die Gemeinschaft und den Einzelnen. Ein paar Beispiele: Beim Bauen müssen wir nicht allein daraufschauen, daß die Bauleute 'Jftden seien, sondern „jüdische" Steine und Kalk dazu Hefern, die wir selber behauen und gebrannt haben. Eine unserer ersten Aufgaben ist ' die Fabrikation von Baumaterialien (Steine, Mörtel, Kalk und Ziegel). Die Verwertung der Schätze des Toten Meeres und seiner ganzen Umgebung (Brom, Schwefel und andere Stoffe), Glasindustrien am Meeresstrande, das sind Arbeitsrichtungen, die uns (nach der Landwirtschaft, von der an dieser Stelle nicht die Rede ist) nationale Selbständigkeit in ihnen verbürgen. Die Initiative des jüdischen Arbeiters muß von den Nebenpfaden in die Hauptrichtung wieder gelenkt werden. Die Idee der eignen Arbeit ohne jede Ausbeutung (die sich in Form von verschiedenen Arbeitsgemeinschaften realisiert), die das Hauptprinzip der jüdischen Landarbeiter geworden ist, wird durch sie selbstverständlich auch in der jüdischen Industrie und bei den öffentlichen Arbeiten zur Geltung gebracht werden müssen. Aber in gleicher Welse ist es notwendig, das Prinzip der Zusammenfügung unserer Arbeit in sie einzuführen, dadurch daß wir von vornherein die Majorität anstreben und eine kraftvolle Tätigkeit im Lande entfalten. S. Jawneeli