Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Untergangsprobleme [Rezension]
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 578 (sequence 3)
- Language
- German
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578 Umschau: Kolonisation den Anschein, als könne er nicht — vielleicht war er müde, wie die andern auch. Es ist gut, daß die Stüber so stark sind! Noch ist's Zeit! Der Stoß, der allerdings auch für den Juden mit am schmerzlichsten gewirkt hätte, verpufft wirkungslos, weil falsch begründet. Es gibt zwar keine proletarische Kunst, weil sie wie alles nicht ohne Boden wachsen kann und noch kein Boden da ist — vorläufig — wer aber kann sagen, was in fünfhundert Jahren ist? — also auch nicht zu jenen Höhen, wo die Einzelnationen sich im allgemein Menschlichen wiederberühren. Und selbstverständlich gibt es auch keine internationale Kunst — denn auch die proletarische Kunst wäre letzten Endes als Kunst einer Klasse nur die einer Nation, die alle Menschen umfaßt. Dies festzustellen hätte es der schiefen Parallele: proletarische Kunst und christliche Kunst nicht bedurft. Denn proletarisch ist heute ein Bild für einen Vorgang: beginnende Anglelchung der Welt durch Technik und mancherlei Annäherung, — das Christentum gab als Gemeinsames eine Idee, der gegenüber die Nationen die stärkeren waren — das Volksgewand — die Volksseele. Warum aber soll es keine Menschheitskunst geben und keine Menschheit? Weil es keine Erfahrungsgemeinschaft gibt letzten Endes? Hier kann mancher eigene Wege gehen. So ging dieser Stoß in die Luft. — Der Jude hat, wie man sieht, zur Not noch < Verteidigungsmaterial aus eigenem. Aber auch Matthias springt ihm zum Schluß bei. Dem Juden Radek verdankt es Rußland, daß der Nietzschesatz: daß jede Lehre nur von Wert ist, wenn sie nicht vom Leben absieht, zur lebendigen Wirkung kommt. Mit anderen Worten: Beweglichkeit des Lebens: „vom Prinzip ausgeben", „nicht erdrückt werden durch das Prinzip". Nicht immer nach der Schablone, aber mit dem großen Ziel, das Geheimnis des Erfolges. Das Geheimnis jeder Jugend. Streng genommen hat es dieses Herausreißens nicht bedurft. Aber es ist schön, daß es dasteht — nach solchen Püffen, Die Zeit zum Mitleid ist also noch nicht da — aber dennoch, es ist auch nicht mehr Zeit, darüber hinwegzugehn. Ruth Morold UMSCHAU KOLONISATION Grundsätzliches zur Siedlungsarbeit*) Die gerade Linie der jüdischen Wiederbesiedlung Palästinas, die seit langer Zeit allmählich und mit Unterbrechungen zur Konzentrierung in städtischen Niederlassungen führte, hat vor vierzig Jahren eine der Zukunft des Volkes und des Landes gemäße Wendung angenommen. Damals begann die landwirtschaftliche Kolonisation. Diese Jahre haben sicherlich den Wert der jüdischen Siedlung um das vielfache erhöht, im Vergleich mit der vorhergehenden Zeitperiode. Jetzt ist aber der Augenblick gekommen, diese Linie von neuem zu durchbrechen und eine Richtung einzuschlagen, von der die ersten nichts wußten. Vor uns steht die Frage: Sollen wir unsere Arbeit von den Positionen unserer Nachbarn im Lande abhängig sein lassen oder die Grundlage schaffen für wirtschaftliche, nationale und politische Eigentätigkeit *) Aus dem Rechenschaftsbericht der Palästin akommission der Poale Zion. im Lande? Kampf mit dem Nachbarn, ein ununterbrochener nationaler Kampf um Einfluß und Macht innerhalb der von den Jahrhunderten erzeugten Situation, die ein Produkt ist der von der Vergangenheit gesammelten schöpferischen Kräfte, deren Erbe der Nachbar tatsächlich ist? Oder neue jüdische Positionen in Palästina schaffen, die uns von diesem Kampf befreien sollen? Das Problem der Minorität und Majorität, jenes Problem, das den wesentlichen Inhalt all unserer Galuthbegriffe In ihrer ganzen Tiefe umfaßt — sehnen wir uns denn wirklich danach, unsere Zukunft mit dem Fluche der Vergangenheit zu behaften? Sollen wir uns jedem Fleckchen der Eingeborenen als wenig bedeutende Minorität anglledern oder uns eine eigene Position im Lande schaffen in der Gestalt einer Reihe von Mittelpunkten für ein jüdisches Leben im ökonomischen und politischen Sinn? Heute sind wir eine Minorität in allen Städten Palästinas, außer in Jerusalem und in Tiberias. Zu jener Zeit aber, wo wir die Mehrheit im Lande sein werden (wenn diese Zeit einmal kommen wird), werden die Araber die Minorität sein. D. h. die Frage der Minorität wird nie bei