Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Untergangsprobleme [Rezension]
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 577 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen: Untergangsprobleme 577 Russe Byzantiner, der Jude bleibt! Tun sie's nicht, sind beide haltlos. Tun sie's, dann besitzen sie sogar das Mittel, vielleicht das einzige, sagt Matthias, das über tausendjährige Kulturen imstande ist zu -siegen. — So weit die Anerkennung. Doch was ist das für ein Sieg? Bei.Matthias heißt es weiter: der Jude ist als Typus unentbehrlich, „wenn es nämlich gilt, die Erde zum Monde zu machen, wie Paulus es tat, aber er ist entbehrlich für die Zeit nachher, wenn es nämlich gilt, innerhalb dieser Welt — eine Welt zu schaffen, d. h. ein Ding mit Licht und Schatten, mit anderm Licht und anderm Schatten als bisher". Mit anderen Worten: der Jude kann nichts Körperliches bilden, er ist selbst körperlos — der Schatten eines Menschen. Er ist nicht der Gegenstand, sondern dessen Prinzip — denn das Einrichten, Organisieren ist Richtunggeben, und Prinzipien braucht man, um die Perspektiven festzulegen. Dazu aber gebraucht man* den Juden; denn er ist ja unentbehrlich, wenn es gilt, die Erde zum Monde zu machen. Die Juden sind also die geistigen Telegraphendrähte nach Matthias — wenn das Bild erlaubt ist. Doch nicht das allein. Der Jude ist immerhin auserwählt, — auserwählt im gewissen Sinne ist aber auch der Vollstrecker, — das Werkzeug, — und der Schattenmensch-Jude als Vollstrecker-Werkzeug, das hat anderen Klang als der auserwählte Goliathbezwinger einer Welt! Denn Matthias ließe dann seinen Juden nicht einmal den gewöhnlichen Ruhm des Dekadenten, daß er ein guter Schauspieler ist — er ist als solcher Vollstrecker, sogar der Nicht-Schauspieler — ein in der eigenen Tragik Erhängter. Ob Matthlas das Problem so scharf hat zuspitzen wollen? Man kann alles drehen, wie man will, sagt Matthias in . seinem Bild von dem Globus, der keinen Fuß mehr hat. Der Globus Rußland mit seinen quirlenden Problemen von Byzanz bis Westeuropa, in dem seltsam verquickt auch die jüdische Frage in lupenscharfe Sicht tritt, ist eine rollende Kugel — doch eine Kugel, die in urnahem Zusammenhang steht mit dem, der sie rollt. Man spürt es bei Matthias, daß die Bewegungen, mit denen er sie rollt, mit denen er $ie auf- und abgleiten läßt auf seiner Riesengleitbahn, dieselben sind, mit denen der Jude den eigentlich ihm nicht zugehörenden „Augenblick" — er ist nach Matthias westeuropäisch -— senkrechtstellt: der Augenblick unter der Perspektive der Ewigkeit — diese urjüdische anerkannte Jongleurjournalistik, von ihren Besten bis zum letzten Winkelspaßmacher. So eng verquickt ist der Jude mit Europa! Sollten da nicht doch noch Möglichkeiten sein für die plastische Ergänzung zumindest — wenn das körperbildende Blut schon einmal durch die Abstraktion aufgezehrt sein soll? Was Kleists Marionetten konnten, ist ebenso möglich für die modernen „Telegraphendrähte", und die unbeschwerteste Körperlichkeit hatte von jeher das potenziert lebendigste Gegenspiel — die Division wie die Musik hat hinter ihren einfachsten Größen die unendliche Lebendigkeit. Wer dringt durch Bach? Der Jude ist jedenfalls etwas, das doch nicht ganz so einfach ist. Er ist augenblicklich sogar im Begriff, sein Ghetto im Osten preiszugeben, die Quelle seines seelischen Jüdisch-Lebens. Denn dort ist er noch Volk. Seine lebendig-vollen, doch zarten Volkslieder, die durch die Ungebrochenheit des Widerhalles vollere Resonnanz des lebenden Hebräisch, seine immerhin noch nennenswerte Zahl nicht dekadenter Volksgenossen, denen die Mystik oder der Traum, den allein die Masse Gleichfühlender gebären kann, das dem Denker nötige Gleichgewicht mit dem allein positiven Boden zugleich übermitteln konnte. Wie reich und unverwüstlich muß er sich doch noch fühlen, wenn er das tut! Schuf doch der Jude des gesprengten Ghettos mit am Europäer — am Menschen ohne Voraussetzung im Volk — am Gesicht der neuen Welt der Wolkenkratzer, Fabrikgebäude und Stahlkonstruktionen. Sein Bejahen zeigt, daß er auch diese Welt als die seine fühlt. Der Jude ist zwar alt, doch noch lebt er. Lebt sogar lebendig wie je. Sollte es nicht doch sogar noch möglich sein, zu warten, ob er nicht auch noch eine Welt mit Licht und Schatten fertigbringt? Ex Oriente lux. Die Gestaltung kommt aus dem Traum. Der Jude des Ostens hat sogar noch seinen Traum. Und die gliedernde Gestaltung, die hat er als das allgemeine Geschenk des Südens.. Und was er nicht hat, das hat der Jude des ~ Westens, aus dem Sehnenschnellen seines täglichen Kampfes. Der Jude gab sich lange