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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 9 · p. 572

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 9
Article
André Spire
Date
1921-01-01
Page
572 (sequence 14)
Language
German
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IRI
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572 Martin Buber: Die zwei Ich ■öW ^n*a KiT t)& InVö1»- Funken von der Schönheit Europas sollen " vt:t j **» vv vt- * in Israels Zelten leuchten. Und ohne Hochmut, unserer Unzulänglichkeit schmerzlich bewußt, fügen wir hinzu: Und Hauch von der Gerechtigkeit Israels wehe über Europa . . Denn wir wissen, daß die Gerechtigkeit in ihrer Vollendung noch viel seltener unter uns wohnt als die Schönheit bei den anderen. MÄRTIN BUBER / DIE ZWEI ICH (Chassidisches) Das eine Ein Schüler des großen Maggids hatte etliche Jahre dessen Unterweisung empfangen und gedachte heimzukehren. Unterwegs besann er sich, er wolle in Karlin Rabbi Ahron besuchen, der vordem im Lehrhaus des Maggids sein Gefährte gewesen war. Es ging auf Mitternacht, als er die Stadt betrat, aber sein Verlangen nach dem Anblick des Freundes war so groß, daß er sich sogleich zu dessen Haus wandte, an das erleuchtete Fenster klopfte und rief: „Ahron, Ahron, mach mir auf!" „Wer ruft?" hörte er die vertraute Stimme fragen und antwortete, da er gewiß war, daß auch die seine erkannt würde, nichts als: „Ich!" Aber das Fenster blieb verschlossen und von innen kam kein Laut mehr, ob er auch wieder und wieder pochte. Endlich schrie, er bestürzt: „Ahron, warum öffnest du mir nicht?" Da entgegnete ihm die Stimme des Freundes, aber so ernst und groß, daß sie ihn fast fremd dünkte: „Wer ist es, der sich vermißt, sich Ich zu nennen, wie es Gott allein zusteht!" Als der Schüler dies vernahm, sprach er in seinem Herzen: „Meine Lehrzeit ist noch nicht um" und kehrte unverweilt nach Mesritsch zurück. Das andere Ein Kaufmann wollte auf Reisen gehn. Er nahm sich einen Gehilfen und stellte ihn in den Laden; er selbst hielt sich zumeist in der angrenzenden Stube auf. Von da aus hörte er im ersten Jahr zuweilen, wie der Gehilfe zu einem Käufer sagte: „So billig kann es der Herr nicht hergeben". Der Kaufmann reiste nicht. Im zweiten Jahr vernahm er mitunter von nebenan: „So billig können wir's nicht hergeben". Er verschob noch die Reise. Aber im dritten Jahr hieß es: „So billig kann ich's nicht hergeben". Da trat er seine Reise an. Die Dienstengel sprachen einst zu Gott: „Du hast Mose gestattet zu schreiben was er schreiben will — da möchte er ja zu Israel sagen: ,Ich habe euch die Lehre gegeben4". „Täte er es", antwortete Gott, „er wäre mir treu".

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