Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 559 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Hans Kohn: Andre Spire -—----_i______ 559 höchsten rabbinischen Autoritäten aügemein entschieden, daß eiii neuer Name, den ein Kranker bekommt, als dessen Hauptname anzusehen und im Scheidungsbrief an erster Stelle vor dem, bezw. den alten Namen zu setzen ist. (Schulchan Aruch, Eben ha Eser § 139 Absatz 18 sowie die Glossen und Kommentare zur Stelle). Wie bei allen frommen Bräuchen für einen Kranken, wird auch J>ei dieser Gelegenheit Geld an Arme verteilt und diese angegangen, sie mögen für dessen Genesung unter Bezeichnung des neuen Namens beten. Bei Chassidim wird noch überdies auf das Wohl des Kranken „Tikkun" getrunken, wobei beim gegenseitigen Zutrinken und Zurufen „Lechaim! Z Sohn bezw. Tochter der J soll haben eine refuah schelemah" der Kranke schon mit seinem neuen Namen bezeichnet wird. HANS KOHN / ANDRE SPIRE 2. Ende 1905 veröffentlichte Spire in den „Cahiers de la Quinzaine" Charles Peguys seinen Gedichtband „Et vous riez". Seither bis zu ihrer Einstellung bei Kriegsbeginn ist er ein treuer Mitarbeiter dieser einzigartigen Zeitschrift geblieben, der moralisch wie literarisch größten Zeitschrift Europas. Peguy hatte es in den fünfzehn Jahren einer völlig seinen Cahiers gewidmeten Existenz verstanden, sie fern von jeder Cliquenwirtschaft, von Reklame und Konzession, zum Ausdruck des besten und lebendigsten Gehaltes der gleichzeitigen französischen Literatur zu machen. Echte Kunst, beste Handwerksarbeit, völlig unbeeinflußte Informationen zu geben, war sein Stolz, Jedes Heft bildete ein Werk für sich, seinem Autor zugehörig, den mit all den anderen Autoren nur die Ehrlichkeit reiner und strenger geistiger Haltung verband. Die großen Werke Romain Rollands fanden hier zuerst ihren Verleger. Aber die Cahiers spielten auch eine selten voll gewürdigte Rolle in der Entwicklung des jüdischen Bewußtseins in Frankreich. PSguy war einer der wenigen, vielleicht der einzige Nichtjude der Gegenwart, der aus seiner eigenen tiefen Verwurzlung im „unterirdischen" Franzosentum Wesen und Sendung, Zwiespalt und Verfall des Judentums ahnte. Er liebte die Juden und — wie so oft anderswo — waren es vor allem Juden, die sich um seine Cahiers scharten, sie erhielten, sie förderten. Es war oft in dem kleinen Laden in der dunklen Rue de la Sorbonne eine „jüdische Atmosphäre", wie Johannet sagt. Die Juden fanden in P^guy immer einen Verteidiger, aber seine Verteidigung war keine seichte Apologetik, sondern eine Ahnung der Einzigartigkeit dieses Volkes und seines Abfalls. Sohn französischer Erde, Erbe von des Vaters Seite her jakobinischer Traditionen und von der Mutter Seite her katholischen Bauern-Konservativismus,.wußte er sich von Hellas und Rom, aber ebenso sehr von Jerusalem her genährt. Und wie mancher französische Jude sah auch Peguy sein Volk als den Fortsetzer Israels. Mit