Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 555 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 555 des günstigen Standes seiner Krankheit eine Aenderung des Namens gar nicht nötig sei, man tue es doch, wenn er es wünsche, zumal dies doch für alle Fälle eine fromme Segullah sei und eher nützen als schaden könne. Zur Prozedur der Namensänderung kommen in der Regel zehn fromme Männer in der Synagoge oder einem sonstigen Bethause zusammen. Sind jedoch keine zehn Männer (Minjan) beisammen, so können sie auch weniger als zehn vornehmen. Die Art und Weise, wie der neue Name, der dem Kranken gegeben werden soll, gefunden bezw. gewählt wird, ist je nach der Gegend oder dem Gesellschaftskreis, dem der Kranke angehört, verschieden. Die zumeist übliche Art der Wahl des neuen Namens ist folgende: Die Versammelten heben aus der heiligen Lade eine Torahrolle heraus lund öffnen sie. Man schaut nun in die geöffnete Rolle und der erste Name, den man erblickt, wird für den Kranken bestimmt. Selbstverständlich kommen hier nicht in Betracht und werden übergangen Namen, die der Kranke schon hat oder die seine Eltern, Geschwister oder Kinder tragen, ferner unjüdische oder im Judentum nicht übliche Namen oder gar Namen von Sündern und Gottlosen wie z. B. Korah, Datan, Abiram usw. Mitunter wird der zu wählende Name durch das Los bestimmt. Es werden auf kleine Papierzettel je ein Name geschrieben und zusammengerollt. Einer der Anwesenden zieht einen Zettel und der Name, der darauf geschrieben steht, wird dem Kranken verliehen. Zum Los werden oft dem Umstände entsprechende symbolische Namen genommen wie z. B. Chaim (= Leben), Rafael (= Gottheil), Asriel (= Gotthelf) u. dgl. Manche legen viel Gewicht darauf, dass in dem neu zu gebenden Namen nicht dieselben Buchstaben enthalten seien, die im alten Namen des Kranken vorkommen, welcher Brauch übrigens schon den süddeutschen und österreichischen Juden am Ausgange des Mittelalters bekannt war. (Siehe „Leket Joscher" des R. Josef hen Mose, Kollektaneen seines Lehrers R. Israel Isserlein aus Wiener Neustadt. Abt. Joreh Dfeah, Berlin 1904 Seite 83.) In manchen unter dem Einflüsse der Kabbala stehenden, insbesondere chassidischen, Kreisen des Ostens wird bei der Wahl des neuen einem Kranken zu gebenden Namens mit besonderer Genauigkeit und Vorsicht darauf geachtet, daß der neue Name gewisse Buchstaben enthalte und daß andererseits bestimmte Buchstaben darin nicht vorkommen, da dieser Umstand von nicht unbeträchtlichem Einfluß auf den Verlauf der Krankheit desjenigen, der den Namen bekommen soll, sein könne. Das hebräische Alphabet besteht bekanntlich aus zweiundzwanzig Buchstaben; hierzu kommen noch die fünf Buchstaben M, N, Z, P, K (aw), welche, wenn sie am Ende eines Wortes zu stehen kommen, eine besondere Form erhalten. Es sind also zusammen siebenundzwanzig Schriftzeichen. Die hebräischenBuchstaben, als Schriftzeichen der heiligen—hebräischen—Sprache, repräsentieren den Ausdruck und Inhalt der höchsten Heiligkeit. In ihnen ruht der dem einfachen Menschenauge nicht sichtbare Abglanz der Göttlichkeit. Mit ihnen wurde die Torah geschrieben und erst durch sie vermögen 36*