Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Die ökonomische Lage der Juden in der Ukraine und ihre Perspektiven
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 544 (sequence 21)
- Language
- German
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544 B e n z i o n R u b s t e i n : Die ökonomische Lage der Juden in der Ukraine Man wird weiter einwenden: „Banditenwesen; Pogrome; die Juden fürchten sich, ihre Städtchen zu verlasen; es ist unmöglich Heimstätten, in der durch Banden beunruhigten Ukraine zu errichten"; und noch manches andere. Mit solchen Phrasen beruhigen wir in den letzten Jahren sehr oft unser eigenes Gewissen, das sich über unsere Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der jüdischen Armut erregt. Aber die Furchtsamen könnten doch den ökonomischen Wiederaufbau in Gegenden beginnen, in denen die Bandengefahr beinahe verschwunden ist und vor allem in den jüdischen Kolonien selbst und in ihrer nächsten Umgebung. Welche Gründe verhindern die Initiative der jüdischen Gesellschaft in diesen Landstrichen? Aber es ist auch hinsichtlich der übrigen Rayone zu bemerken, daß jene die Furchtsamsten sind, die sich den Luxus des Fürchtens leisten können. Die jüdische Masse, die den Hungertod täglich vor Augen sieht, hat keine Furcht. Sie kennt keine größere Gefahr als jene, in der sie ständig schwebt. Sie kennt keine Macht, die sie abhalten sollte, ihren Hunger zu stillen. Sie kämpft hartnäckig mit dem Bauerntum um Land, ohne Rücksicht . auf Reibungen, die dadurch entstehen können. Sie verteidigt ihre schwer errungenen Landanteile mit Mut und Verbissenheit und wenn es nötig ist auch mit bewaffneter Hand. Allmählich entstehen jüdische Inseln in dem Meer der russischen Dörfer — und dabei wollen uns die Furchtsamen einreden/ daß die Arbeit auf dem Gebiete der jüdischen Landwirtschaft wegen der Furcht der jüdischen Bevölkerung, sich aufs Land zu begeben, unmöglich ist. Myriaden jüdischer Familien haben Landanteile erhalten und trotzdem wurde keinerlei Unzufriedenheit der bäuerlichen Bevölkerung, abgesehen von den Rayonen mit Landnot, hervorgerufen — aber die Furchtsamen wollen uns einreden, daß die Bauern die jüdischen Massen an der Landarbeit verhindern werden. Der ökonomische Wiederaufbau des jüdischen Wirtschaftlsebens in den Rätereichen ist die Forderung der Stunde. Unsere erste Arbeit muß darin bestehen, den Übergang zur Landwirtschaft zu beschleunigen. Das Zentrum dieser Arbeit muss die Südukraine bilden, wo die kolonisatorischen Möglichkeiten am größten sind. Ironie der Geschichte! In dem Land unserer schwersten und blutigsten Opfer, der furchtbarsten ökonomischen Zerrüttung, bestehen die größten Möglichkeiten für den Aufbau eines jüdischen Lebens auf normalen wirtschaftlichen Grundlagen. Hier kann ein dichtes Netz jüdisch landwirtschaftlicher Siedlungen entstehen, die die großen jüdischen industriellen und Handelszentren umgeben. Wann und wo ward uns solche Möglichkeit zu ökonomischem Aufbau, zur Normalisierung unserer Wirtschaftsstruktur geboten? Wann und wo hatten wir solche national-kulturelle Perspektiven aufzuweisen? Und warum enthusiasmieren sie uns nicht? Sind wir wirklich der Aufgabe nicht gewachsen, die uns die Geschichte stellt? Wilna, April 1922.