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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 9 · p. 533

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 9
Article
Die ökonomische Lage der Juden in der Ukraine und ihre Perspektiven
Date
1921-01-01
Page
533 (sequence 10)
Language
German
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IRI
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Die ökonomische Lage der Juden in der Ukraine und ihre Perspektiven Ihre Zahl von 8.6% muß also als eine ungeheure Belastung bezeichnet werden. Zusammen mit den Arbeitslosen und Arbeitsinvaliden bilden sie den vierten Teil der ökonomisch tätigen Bevölkerung, der stärkste Beweis für die katastrophale Lage der Juden in den großen ukrainischen Städten. Mit Handel beschäftigten sich 17706 oder 20.2% der ökonomisch tätigen jüdischen Bevölkerung. Ein großer Teil von ihnen hätte sich mit gutem Recht den Arbeitslosen zuzählen können, weil der Handel ihnen nicht einmal das übliche örtliche Existenzminimum gewährt. Sie beschäftigen sich mit Kleinhandel, da müßig herumzugehen noch weniger einbringt und jede Hoffnung auf ein zufälliges Verdienstchen raubt. Der Prozentsatz der Händler ist verhältnismäßig klein, jedenfalls kleiner als im Jahre 1897. Der Anteil der Juden in den freien Berufen ist bedeutend, aber das gehört zu den gewohnten Erscheinungen des jüdischen Lebens in der Ukraine. Die Gruppe Regierungsangestellte ist darum interessant, weil sie ein ausschließliches Produkt der Räteregierung ist. Sie zählt 9877 oder 11.2% der ökonomisch tätigen jüdischen Bevölkerung. In der Tat eine etwas zu bedeutende Zahl Regierungsangestellter, besonders in Anbetracht der spezifischen politischen und ökonomischen Verhältnisse in der Ukraine, allerdings rührt die Zahl aus der Zeit der stärksten Beamtenausbreitung her. So gestaltete sich die Lage in Odessa im Jahre 1920, zu einer Zeit, in der es zufolge des Bürgerkrieges noch eine Kriegsindustrie gab, die auch eine Anzahl jüdischer Arbeiter beschäftigte. Später, als die Rätereiche mit ihren Nachbarländern Frieden geschlossen und über die weißgardistischen Armeen endgültig gesiegt hatten, schmolz die rote Armee stark zusammen und damit die Militärbekleidungsindustrie, in der jüdische Arbeiter vor allem beschäftigt waren. Im Jahre 1921 hat die Räteregierung auf die Zwangskonzentration und Nationalisierung kleinindustrieller Unternehmungen verzichtet. Sie hat auch die Ausnutzung einer ganzen Reihe Unternehmungen, die von ihr bis dahin betrieben wurden, aufgegeben. Eine Anzahl anderer Regierungsunternehmungen wurde entweder geschlossen oder bedeutend verkleinert. Das alles konnte natürlich nicht ohne Einfluß auf die jüdische Bevölkerung der industriellen Zentren bleiben. Ziffern über die mit diesem Prozess zusammenhängenden Veränderungen besitzen wir nicht, aber a priori kann man behaupten, daß diese Maßnahmen die Zahl jüdischer Arbeitsloser in den Großstädten vermehrt haben. Gleichzeitig hat die Abschaffung der Zwangskonzentration kleiner Unternehmungen bis zu einem gewissen Maß ihre Wiederherstellung bewirkt, oftmals maskiert durch verschiedene Formen scheinbaren Kooperativismus. Diese beiden Tatsachen sind die bisher bedeutendsten Folgen der neuen ökonomischen Politik der Räteregierung. Die jüdische Arbeitslosigkeit „wurde ferner dadurch vermehrt, daß die Räteregierung eine ernste Einschränkung ihres Beamtenapparates vornahm und eine große Zahl wirtschaftlicher Funktionen der Privatinitiative überließ.

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