Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Die Lage
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 514 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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5*4 Umschau: Politik ist nicht mit uns, sondern gegen uns. Je länger der Wettkampf dauert, umso schwerer werden unsere und umso leichter die Anstrengungen des Konkurrenten. Eine vernünftige Disposition der Kräfte verlangt daher von uns die Hauptanstrengung in der ersten Hälfte des Wettkämpfes, da in der zweiten die größte Anspannung erforderlich sein wird, den errungenen Vorsprung zu behaupten. Es ist daher keine agitatorische Phrase, sondern ganz kalte und nüchterne Erkenntnis, die zu der Behauptung führt, daß die nächsten Jahre die wirklich entscheidenden für den Zionismus sein werden — und daß es die Jahre nach dem Kriegsende auch waren. Ich will die Frage nicht beantworten, ob die bisherigen Anstrengungen des jüdischen Volkes dieser Aufgabe entsprechen. Das eine aber ist sicher: daß in der nächsten Zukunft eine ganz große, eine fast übermenschliche Kraftanstrengung des jüdischen Volkes erfolgen muß, wenn wir nicht alle Chancen zu siegen von vornherein verlieren wollen. Und wir haben bereits gesehen, daß wir hierbei auf keine andere Hilfe rechnen können und auf niemanden zählen dürfen als auf uns selbst. Wie um die Größe der uns auferlegten Aufgabe immer noch höher ins Gigantische zu steigern, ist es das Besondere dieser Anstrengung, daß kein rascher und vehementer Anlauf nützt, sondern daß die von uns geforderte höchste Anspannung auch Dauer und Stetigkeit haben muß. In der arabischen Frage, die die zionistische* Bewegung vor ihre bisher schwerste und gewaltigste Aufgabe stellt, war 'die Situation des jüdischen Volkes vor dem Kriege eine günstigere zu nennen als heute. Denn die geistige Weltrevolution, die der Krieg mit sich brachte, hat auch die nationale Bewegung unter den Arabern, wie die aller anderen Völker, mächtig gefördert, ja sie vielleicht erst eigentlich provoziert. Ueberdies hat, wie zugegeben werden muß, die Balfour- Deklaration ebenso wie all die großen jüdischen Manifestationen unseres Anspruches auf Palästina die Araber aus der früheren nationalen Stumpfheit und Gleichgültigkeit aufgescheucht. In der auch dem polltischen Leben immanenten Gerechtigkeit ist es begründet, daß ein so großer Erfolg, wie es die Balfour-Deklaration unleugbar ist, nicht nur ausschließlich Vorteile, sondern auch Schwierigkeiten mit sich bringen muß. Mit der Erkenntnis der zionistischen Aufgabe in diesen und den kommenden Jahren ist auch die Frage beantwortet, ob das bisherige Tempo der Arbelt in Palästina dieser Aufgabe entspricht. Die Folgerung, welche sichaus dieser Erkenntnis mit unerbittlicher Logik ergibt, ist die Notwendigkeit einer ganz ungeheuren Intensivierung der zionistischen Arbeit in der Diaspora zur Gewinnung der erforderlichen Mittel und Menschen für Palästina. Weitere praktische Folgerungen aus der oben dargestellten politischen Lage der zionistischen Bewegung zu ziehen, sei hier unterlassen. Das Ist eine Frage der praktischen Politik, während es uns hier vor allem auf politische Erkenntnis ankommt Der Ernst und. die Schwere der zionistischen Aufgabe für die nächste Zeit darf nicht verkleinert werden. Sie verlangen die stärksten Nerven, die größte Kaltblütigkeit und die äußerste Anspannung aller Kräfte. — Die Mutlosen fragen: wird es gelingen? Ist es nicht zu schwer und unsere Kraft nicht zu gering? Die Gedankenlosen, die rosenroten Optimisten und die heiter Unbesorgten sagen: es wird schon gehen! Wahre Erkenntnis aber ist nicht nur die des Augenblicks, der Stunde und des Jahres, sondern Erkenntnis der Geschichte und des Geschicks. Darum folgt ihr auch der Glaube, der aus dieser Erkenntnis quillt. Der Erkennende, der auch der Gläubige ist, sagt: das Werk, das hier unternommen wird, ist so schwer, wie kaum ein Menschenwerk zuvor. Es ist so schwer, wie unser Schicksal es war und ist. Und doch glauben wir mit unerschütterlichster Gewißheit an sein Gelingen. Denn in ihm liegt unser Schicksal und mit seinem Mißlingen stürzt die Welt für uns zusammen. Noch halten wir unser Schicksal in unseren Händen, noch liegt es an uns, es zu vollbringen. Siegmund Kaznelson Nachbemerkung 1. „Ich kann mir nicht vorstellen", schreibt Kaznelson, „daß englische Politiker.., nicht von vornherein damit gerechnet haben, daß ein jüdisches Palästina viel eher als ein arabisches Selbständigkeit erlangen . . . würde." Daß Palästina in absehbarer Zeit Selbständigkeit erlangen würde, damit haben weder englische Politiker gerechnet noch rechnen sie damit. Und in der Tat scheint mir, wenn ich an die Geschichte des Imperiums .denke, die Frage, so gestellt, für absehbare Zeit — vorausgesetzt, daß das Imperium dem allgemeinen Zerfall vorbeugen kann — von keiner erheblichen Aktualität, gleichviel wie sich das Bevölkerungsverhältnis gestalte. Womit hingegen englische Politiker gerechnet haben, ist dies: daß ein arabisches Palästina sich hemmungslos, ohne innere Kämpfe und Schwierigkeiten, einem großarabischen Reich anschließen würde, ein jüdisch-arabisches nicht ohne schwerste innere Kämpfe, in die man von Europa aus verhältnismäßig leicht und legitim eingreifen könnte. Das bedeutet zugleich, daß die jüdische Bevölkerung Palästinas, von einem annexionslustigen und durch eine starke Irredenta unterstützten Arablstan bedroht und ihm gegenüber auf die enge Solidarität mit der britischen Macht angewiesen, immer weniger daran denken könnte, England die Beherrschung der palästinensischen Häfen und