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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 8 · p. 513

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 8
Article
Die Lage
Date
1921-01-01
Page
513 (sequence 4)
Language
German
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Umschau: Politik 513 einem zionistischen Palästina ist. Ebensowenig wie ein solches Interesse im Kriege plötzlich erst entstehen konnte, kann es auch kurz darauf schwinden. Wie stärker wäre dann die zionistische Position England gegenüber und mit welch größerer Sicherheit könnten wir von ihm die Wahrnehmung seiner eigensten Interessen verlangen und die in der englischen Palästinapolitik der letzten Jahre zum Ausdruck gekommene, im Grunde neutrale Haltung den zionistischen, also auch den englischen Interessen fgegenüber bekämpfen. Leider ist die Situation aber eine ganz andere. England braucht uns nur in einem sehr beschränkten Maße, wir aber England in einem entscheidenden. Wenn England den Zionismus einmal wirklich gebraucht hat, so im Kriege den in ihm verkörperten „good will* des Weltjudentums. Heute ist ihm dieser nicht mehr so wichtig wie damals und das erklärt eigentlich .die gegenwärtige schwierige politische Situation der zionistischen Bewegung. Es kann kein Zweifel mehr sein: Zionismus und jüdisches Volk sind wie früher nur auf sich allein angewiesen —wie schließlichjedes andere Volk auch. 3- -Die Aufgabe Die Alternative zwischen den Juden als der künftigen und den Arabern als der gegenwärtigen Bevölkerungsmehrheit Palästinas stellt England vor keine leichte Wahl. Die Entscheidung nach jeder Seite hin bietet Vor- und Nachteile, wie wohl nicht erst näher ausgeführt zu werden braucht. Dadurch erklärt sich auch die labile und im Grunde neutrale Haltung der englischen Verwaltung in Palästina. Diese Alternative läßt die Araberfrage für den Zionismus als das eigentliche zentrale, ja gegenwärtig geradezu vitale Problem erkennen. Es bedeutet eine allzu bequeme Vereinfachung und eine Verkennung des Ernstes dieses Problems, wenn man es nur so verstehen will, ob eine Verständigung mit den Arabern heute angestrebt werden soll oder nicht Die aktuelle Frage des Verhaltens gegenüber der unvermindert andauernden, vielfach auch erfolgreichen und geschickten Propaganda der arabischen Delegation in London braucht nicht unterschätzt zu werden. Aber diese macht nicht di« eigentliche Araberfrage aus. Dies ist nun freilich auch nicht im Sinne jener recht fragwürdigen Meinung zu verstehen, nach der es gelingen müßte, durch Hervorhebung <*es Klassenunterschiedes zwischen den Fellachen und den Effendis einen Keil in die arabische Bevölkerung zu treiben und . uns als die besseren Sachwalter der ökonomischen Interessen der arabischen Landbevölkerung — wie dies ja tatsächlich der Wirklichkeit entspricht — deren Gefolgschaft zu sichern. Die Entwicklung der kleinen kti °nen Eur°pas hat deutlich genug die völlige Unnahbarkeit und Unwirksamkeit des marxistischen Klassengegensatzes in nationalen Fragen gezeigt. Die Entscheidung, vor der der Zionismus steht, lautet leider nicht: Krieg oder Frieden mit den Arabern? Eine solche Wahl, ist für ihn gar nicht gegeben, was das Endziel und die Möglichkeit des Erfolgs oder Mißerfolgs des zionistischen Aufbauwerkes anlangt. Ausgleich oder Krieg mit den Arabern, das ist letzten Endes nur eine Frage der Taktik und der Form des unvermeidlichen, wenn auch nicht notwendig kriegerischen und gewalttätigen Wettkampfes. Dieser selbst ist durchaus unvermeidlich und unaufhaltbar, wenn anders das jüdische Volk auf sein Streben nach seinem, dem jüdischen Lande, das heiöt also dem einzigen Lande, in dem es die Majorität der Bevölkerung bildet, nicht verzichten und das arabische Volk von vornherein und freiwillig jeden Widerstand gegen seine nationalen Majorislerung nicht aufgeben würde, — eine für jedes nicht völlig entartete Volk absurde Voraussetzung. So ist es die Schicksalsfrage des jüdischen Volkes, ob und wann es ihm gelingen wird, in Palästina eine jüdische Majorität zu schaffen. Sein an sich unerhörtes und in der Geschichte ohne Beispiel dastehendes Vorhaben ist nur deshalb nicht von vornherein aussichtslos, weil die arabischen Einwohner des Landes nicht nur kulturell, sondern vor allem national auf einer noch recht niedrigen Entwicklungsstufe stehen. Wären die Araber Palästinas heute so national organisiert wie irgendeine der kleinen europäischen Nationen, so wäre die zionistische Kolonisation unbedingt zum Mißlingen verurteilt. ' Alle die vielen gescheiterten nationalen Kolonisationsversuche aus der Geschichte der europäischen Nationalitätenstaaten beweisen dies unwiderleglich. Und es ist eine besonders bedeutungsvolle und interessante Feststellung Karl Renners gewesen, daß seit fast einem Jahrtausend, von geringen Schwankungen abgesehen, die nationalen Grenzen Europas unverändert geblieben sind. Da ferner kein Zweifel bestehen kann, daß auch die palästinensischen Araber sich mit der Zeit immer stärker national organisieren und vereinheitlichen werden und daß auch In dem heute vielleicht noch indifferenten Fellachen sehr bald das nationale Bewußtsein erwachen wird, zeigt es sich, wie sehr die Araberfrage eine Zeitfrage ist. Mit ihr steht der Zionismus vor seiner schwersten und entscheidendsten Frage. Mit unerbittlicher Klarheit und Schärfe muß auf sie als auf seine Grund- und Schicksalsfrage hingewiesen werden. Das Wort Lloyd Georges nach der Konferenz von San Remo an Weizmann, daß die Juden nun ihren „Start« hätten, hat eine viel weittragendere Bedeutung, als es der englische Premier wohl selbst ahnte. Das Wettrennen hat begonnen und neben dem jüdischen läuft arabisches Vollblut. Kaltblütige Erwägung unserer Chancen, die zum Siege fast ebenso notwendig ist wie Schnelligkeit und langer Atem, ergibt eine weitere außerordentlich wichtige Erkenntnis: die Zeit

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