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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 8 · p. 511

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 8
Article
Die Lage
Date
1921-01-01
Page
511 (sequence 2)
Language
German
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Umschau: Politik 5H gar nicht transzendentale) Wahrheit bleibt aller Auseinandersetzungen letzter Schluß. Als meine Meinung und Wahrheit sage ich, daß nur die Zionisten selbst, sonst niemand ein tieferes und größeres Interesse am Zionismus haben. Die Subjekte der Politik als der Kunst, Machtverhältnisse zu begründen, aufzulösen und zu verändern,sind die Mächte. Die Mächte also haben an der zionistischen Bewegung nur ein sehr begrenztes Interesse, England mit eingeschlossen. Es geht zurück auf den Nutzen, den sie bringt oder den man von ihr noch erhofft, bezw. auf die Macht, die hinter ihr steht oder die man bei ihr vermutet (Ueber das Kapitel der Realität und Idealität von Macht und Nutzen brauche ich mich hier nicht weiter auszulassen. Auch nicht über den Zusammenhang zwischen Revolution — ideeller Politik, Evolution — Realpolitik*). Der Nützen, den die zionistische Bewegung dem englischen Reiche bringt, auf das es ja doch hauptsächlich ankommt, ist heute ein zum mindesten recht fragwürdiger, dagegen das Loch in seinem Budget, das sie nach der Vorstellung des englischen „taxpayers" verursacht, gleichgültig ob groß oder klein, erforderlich oder unnötig, ein unzweifelhaft existierendes. Ich glaube zwar nicht, das England von Palästina nicht Besitz ergriffen hätte, wenn es keine zionistische Bewegung gegeben hätte. Ebenso nicht, daß es nicht die gleichen oder vielleicht noch größeren militärischen und zivilen Aufwendungen für ein rein arabisches Palästina hätte machen müssen. Welchen eminenten Nutzen aber England gerade von einem jüdischen im Gegensatz zu einem arabischen Palästina haben sollte, darüber vermag keine der mir bisher bekannt gewordenen, nicht agitatorisch abgestimmten, sondern rein objektiven und kühl realistischen Argumentationen, Zitate und Erwägungen etwas Ueberzeugendes auszusagen. Auch in zionistischen Kreisen wird andauernd der Fehler begangen, daß man die Palästinafrage mit der zionistischen konfundiert, eine zwar psychologisch, aber nicht logisch erklärliche petitio principü. Ich kann mir nicht vorstellen, daß englische Politiker, die gerade in den letzten Jahrzehnten eine ähnliche Entwicklung im britischen Imperium wiederholt beobachten konnten, nicht von vornherein damit gerechnet haben, daß ein jüdisches Palästina viel eher als ein arabisches Selbständigkeit erlangen und infolgedessen die etwa vorhandenen strategischen und wirtschaftlichen Vorteile des Landes für England auch viel früher seiner direkten und uneingeschränten Ausnutzung entzogen werden. Daß ein in fortschreitender Entwicklung begriffener Staat fast jeden Landzuwachs begrüßen muß, ist in dem natürlichen Imperialismus seines Wachstums oder in dem gewalttätigen seiner *) Näheres hierüber in der Glosse „Die Linke«, Heft 4! politischen Aspirationen begründet. Ebenso wie 1908 Oesterreich-Ungarn Bosnien und die Herzegowina annektierte, trotzdem beide Länder infolge des Defizits in ihrem Haushalt finanziell nur eine Belastung der Monarchie darstellten und nur durch die Zuschüsse der reicheren Kronländer auf eine höhere kulturelle und wirtschaftliche Stufe gebracht werden konnten, ebenso hat auch die Tschechoslowakei nach dem Weltkriege die Angliederung des staatsfinanziell schwer passiven und fast unzivllisierten Karpatho- Russien gefordert. Wie früher in Oesterreich hinsichtlich Bosniens bekennen jetzt auch die einsichtsvolleren und weiterblickenden Politiker in der Tschechoslowakei, daß an dem baldigen Verluste dieser heute ohnedies schon, wenn auch nur auf dem Papiere, autonomen Provinz nicht zu zweifeln sei. Was schließlich den Vorteil der zionistischen Bewegung zur Legitimierung der englichen Ansprüche auf Palästina anlangt, so erledigt sich diese Frage durch die einfache Gegenfrage, warum England dann die Mandate über Mesopotamien, Togo, Deutsch-Ostafrika und Frankreich das Über Syrien erlangt hat, ohne einer solchen Legitimierung zu bedürfen. Auch der Hinweis auf die besondere Stellung Palästinas als heiliges Land und als Gegenstand der Rivalität zwischen den im nahen Orient interessierten Ländern ist durchaus nicht stichhaltig. Denn es gehörte doch nicht viel dazu, den nun tatsächlich eingetretenen großen Widerstand der katholischen Kirche gegen die jüdische Lösung der Palästinafrage vorauszusehen. Und Streitobjekte mit den Mächten waren die ehemaligen deutschen Kolonien in Afrika und das für England verkehrspolitisch (Landweg nach Indien I) und infolge seiner Fruchtbarkeit sowie des Petroleumvorkommens doch viel wichtigere Mesopotamien auch. Als historische Reminiszenz sei schließlich noch angemerkt, daß das englische Mandat über Palästina selbst den Engländern lange Zelt nicht als sicher galt. Und es ist sehr die Frage, ob sich England dem Plane einer völligen Internationalisierung oder einer Teilung des Mandats mit Amerika überhaupt widersetzt hätte. — Das Interesse Englands an Palästina soll nicht bestritten werden. Was bestritten wird, ist (sozusagen) das Interesse Palästinas am Zionismus als unumgänglicher Voraussetzung seiner Kultivierung und damit auch Englands wirtschaftspolitisches Interesse an dieser Bewegung. Die Frage also, die zu beantworten ist, ob nämlich ein jüdisches Palästina dem v britischen Reich größeren Nutzen bringen muß als ein arabisches, und ob die Erkenntnis dieses größeren Vorteils ein zwingendes Motiv derBalfour-Deklaration war, muß, wenn nicht verneint, so doch unentschieden gelassen werden. Zur Erforschung der geschichtlichen Wahrheit genügt nicht die Darlegung aller Beweggründe geschichtlichen Handelns, die

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