Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Die Lage
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 510 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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UMSCHAU POLITIK Die Lage i. Prolegomenon Prolegomenon zu jeder jüdischen Politik, die als jüdische Politik auftreten will: wie ist jüdische Politik möglich? Nach der strengen (auf die griechischen Termini der TioXitur) xv/yt\ und der rcoXtTtxr] lmvzfy.v\ zurückgehenden) Begriffserklärung der Politik als Staatskunst bezw, als Staatskunst- (oder Staatsmacht-) Lehre gäbe es eigentlich keine jüdische Politik. Denn es gibt keinen jüdischen Staat. Ebenso gäbe es streng wortgetreu auch keine jüdische Nation. Da bekanntlich aber die Wissenschaft mit solch messerscharfer terminologischer Pedanterie und mit philologischen Kunststücken nach dem Muster jener „wissenschaftlichen" „Revisionen des jüdischen Nationalismus" nicht weiter kommt, macht sie eben ihre berühmten logischen Sprünge, difr die Als-Ob-Philosophie Fiktionen nennt, und nimmt einfach das Werdende als Seiendes. Solchermaßen wird auch die jüdische Nation, die ihren Staat noch nicht hat, ihn jedoch erstrebt, und die jüdische Politik als die Kunst eines werdenden Staates wissenschaftlich gerettet. (Ketzerisch gedacht, rettet sich auf diese Weise die Wissenschaft selbst, ohne welche ja auch das von ihr nicht eingeordnete Leben und die durch keine ihrer Hebel und Schrauben bezwungene Natur trotzdem weiterbesteht.) Jüdische Politik, weder in dem übertragenen Sinne, in dem auch Gemeinderat und Bürgermeister, Vereinsopposition und Vorstand, selbst Sohn und Vater, Ehemann und Ehefrau Politik treiben, noch in dem begrenzten der Innenpolitik, sondern im weitesten, im weltpolitischen Sinne gemeint, ist sonach die Kunst vom werdenden jüdischen Staate. Darum gab es vor der modernen zionistischen Bewegung, vor dem Zionismus, den Herzl mit genialer Intuition als politischen bezeichnet hat, keine jüdische Politik, wie es eine englische, deutsche, französische, tschechische, irische, albanische etc. gibt. Ohne jüdischen Staatsgedanken keine jüdische Politik! Jüdische Politik als Weltpolitik ist nur als zionistische möglich. 2. Voraussetzungen Fragt man: Wozu dieses Aufgebot an Staatsphilosophie, Erkenntnistheorie, Philologie usw., das hier (überdies auch nicht ganz unprätentiös, wie?) als Einleitung zu einer simplen politischen Chronik bemüht wird?? Um, wie diesem doppelten Fragezeichen geantwortet sei, einmal zu erklären, Weshalb in der politischen Rubrik einer doch gar nicht parteischablonenhaft geführten und die engen Scheuklappen einer bestimmten politischen Richtung ohne Not nicht anlegenden Zeitschrift wie „Der Jude" bisher und auch künftighin nur die zionistische Politik behandelt werden kann. Hier eben ist eine Not und Notwendigkeit: es gibt keine andere jüdische Politik, die als Politik gelten kann. Die theoretische Vorfrage ist somit erledigt Aber ganz praktisch, ganz konkret und speziell sei sie neugestellt: ist die (jüdische) Politik der Alliance, der Ica, der Agudas Jisroel, des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, des American Jewish Committee, der einzelnen großen und kleinen jüdischen Gemeinden oder die (antijüdische)derjüdischenKommunlsten Rußlands, des Verbandes nationaldeutscher Juden und seines Gegenstücks, der Organisation der „Tschecho-Juden«, wirklich Politik? Dann wäre das Wort von der Kehiile-, christlicher ausgedrückt, der Kirchturmpolitik kaum erfunden worden. Uns interessiert aber hier nur die Politik einer noXiz eines Gemeinwesens, ob es sich nun um den heutigen Staat oder die Nation als deren potentielle und künftige Trägerin handelt. Nun schon in die politische Erkenntniskritik geraten, können wir auch weiterhin ihrer Methodik treu bleiben und vor Schilderung und Kennzeichnung der heutigen Lage der zionistischen Bewegung erst die Voraussetzungen unseres Urteilens festzustellen suchen. Es ist einfacher und klarer, die sozusagen aphoristischen Einsichten, mit denen wir an den empirischen Tatbestand der politischen Situation des Zionismus herantreten, von vornherein zu nennen, als mit der Methode einer recht zweifelhaften historischen Deduktion diese Erkenntnisse scheinbar erst im Nachhinein zu erschließen. Wozu die Jagd endloser Für- und Gegenargumente, die Dialektik des Pro und Contra, die Polemik der Thesen und Antithesen, der Widerstreit von Bejahung und Verneinung? Wir werden einander ja doch nicht überzeugen. Wie leicht ist es, allen Belegen, Beweisen und Zitaten, Gegen-Beweise, -Belege und -Zitate entgegenzuhalten! Auch bei Erörterung dieser politischen Fragen blickt uns einmal unversehens aus einer Wendung, einem Wort, einem Satz das tiefere, abgründigere Antlitz der fundamentalen Lebensprobleme an: Pessimismus oder Optimismus, Skepsis oder Glaube, rationales oder irrationales, reales oder ideologisches Denken, Idee oder Interesse? Und weiter alle die anderen Gegensätzlichkeiten des menschlichen Geistes. Sage darum jeder seine Meinung und glaube sie jeder, der sie teilt. I*iese tautologische (d. h. echte, einfache und