Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Die Berschader Kooperative
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 447 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Kolonisation 447 sich noch vieles ändern. Die Kooperative ist aber jedenfalls so glücklich organisiert, daß sie Fachleute aller Art zu ihren Mitgliedern zählt und sich daher sozusagen als selbständiges Gemeinwesen in Palästina etablieren kann, wozu noch kommt, daß durch das lange Zusammenleben alle sich wie eine einzige große Familie fühlen. Die zweckmäßige Berufs Verteilung innerhalb der Kooperative soll folgende Zusammenstellung zahlenmäßig vor Augen führen. Von den 900 Personen, aus denen die Berschader Kooperative besteht, sind 500 Personen arbeitsfähig. Das entspricht einem Prozentsatz von 55.6 °/0» während 44.4.°/0 (Frauen, Kinder und Greise) nicht arbeitsfähig sind. Unter den 500 Arbeitern sind 267, also 534% qualifiziert und 46.6% nicht qualifiziert Die 500 arbeitsfähigen Personen verteilen sich auf folgende Berufe: Architekten 1, Ingenieure 2, Agronomen 1, landwirtschaftliche Arbeiter 30, Tabakpflanzer 5, Viehzüchter io, Mechaniker 6, Aerzte und Feldscher 5,. Fischer 4, Tischler und Wagner 30, Schmiede 8, Spengler 6, Schlosser 15, Maurer 6, Schuster 8, Schneider 4, Weißwäschnäherinnen 40, Pharmazeuten 3, Lehrer 4, Schuhstepper 2, Riemer 6, Weber 9, Raseure 3, Buchhalter 4, Zimmermaler 4, Buchbinder 2, Stoffärber a, Chauffeure 2, Glaser 1, Uhrmacher und Goldschmiede 5, Seifensieder 6, Wagenschmiereerzeuger 4, Hutmacher 4, Bienenzüchter io, Tapezierer 10, Gerber 5, Schwerarbeiter 100 und Arbeitsfähige ohne Beruf 133. Die vorliegende Schilderung soll vornehmlich den Zv/eck haben, der größeren Oeffentlichkelt ein Bild von den im stillen wirkenden, aufbauenden Kräften im Judentum des Ostens zu geben. Daneben soll sie aber auch auf einen, wie wir glauben, gangbaren Weg für die Ueberführung von größeren Menschengruppen nach Palästina aufmerksam machen. Nicht daß wir meinten, der Weg, den die Bersohader Kooperative gegangen ist, wäre der einzig richtige, oder daß in späteren Jahren, wenn die Industrie in Palästina stark entwickelt sein wird, diese Möglichkeit der Ueberführung noch weiter bestehen würde. Sicher ist aber, daß jetzt eine Gruppe von Handwerkern verschiedenster Kategorien, sofern sie auch gewisse Industrien mitbringen, die Möglichkeit hat, sich sofort und ohne einen größeren Aufwand von Geldmitteln in das Wirtschaftsleben von Palästina einzuordnen. Die Begründung und Förderung von derartigen Kooperativen wird also einen großen Teil der Aufbauarbeit der nächsten Jahre zu bilden haben, Julian Silberbusch GESCHICHTE Aus der Vorgeschichte des Zionismus In Zeiten so gesteigerter Aktivität, wie wir sie erleben, wo alles auf-die letzte Anspannung der Kräfte jedes Einzelnen ankommt, mag der Sinn für den geschichtlichen Verlauf der Bewegung nicht allzu stark sein. Unsere Jugend hat schon die Herzische Epoche, beinahe auch die Wolffsohnsche vergessen, sie lebt fast nur dem Augenblick und weiß wenig von der Vergangenheit Und wenn selbst zugegeben werden mag, daß für die zionistische Bewegung Reminiszenzen heute noch sozusagen einen Luxus bedeuten (den sie sich nach Ansicht einiger unserer Freunde nur gönnen sollte, wenn ihr der durch die heutige Chance mögliche Wurf wirklich gelungen ist), so wäre es doch kein geringes Unrecht, wollte man nicht alles dazu tun, um jene Urkunden festzuhalten, die jetzt oder später einmal die Quellen für den Historiker zu bilden geeignet sind. Für* die Zeit Herzls, wohl auch für die Zeit von der Legalisierung des Odessaer Komitees (1891) an, ist, wje es scheint, einigermaßen Vorsorge getroffen. Dagegen ist unser Wissen von der „Chibat Zion? recht fragmentarisch. Die Kattowitzer Konferenz wurde durch die Verbreitung der Protokolle (zuletzt hat das hebräische Löbei Täubes, das deutsche N. M. Gelber herausgegeben) immerhin weiteren Kreisen vertraut. Die Zeit vor und nach der Konferenz ist für den überwiegenden Teil selbst des zionistischen Publikums in Nebel gehüllt Es gibt zwar einige Literaturwerke und Dokumentensammlungen (wir nennen hier z. B. Deinhardt, Dibre hajamim le-Zion be-Russia, Lilienblum, Derech laawor gollm die Briefe K. S. Wissotzkis über seine Palästinareise im Jahre 1885, das Jahrbuch Knesseth Jlsrael, herausgegeben von Rabinowitz usw.), die wenigsten aber haben sie gelesen. Noch fehlt das Buch der „Chibat, Zion",*) Die Anläufe, die z. B. Heinrich Loewe mit der Sammlung der „Dokumente zur Geschichte des Zionismus" in der Zeitschrift „Zion* gemacht hat, sind nicht zu unterschätzen, treffen aber doch nicht die Hauptsache, ebensowenig wie die anderen Versuche, die ihm folgten. Ach ad Haam hat das Richtige erkannt, als er seiner Zeit die Einsetzung einer Kommission zur Geschichte der Chibat Zion verlangte, von welcher das Material gesammelt und bearbeitet werden sollte (AI peraschat derachim II S. 260). Nicht lange vor Kriegsbeginn sollte der Plan Wirklichkeit werden. Das Odessaer Komitee übertrug zur Herausgabe aus Anlaß der bevorstehenden Vierteljahrhundertfeier seines Bestandes die Sichtung des Pinsker- *) Das Zitronsche Werk „Toldot rajon Chibat Zion" ist unvollendet und nicht sehr verbreitet.