Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Die Berschader Kooperative
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 445 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ümschau: Kolonisation 445 50 englischen Pfund in die gemeinsame Kasse einzuzahlen. Von dieser finanziellen Verpflichtung waren nur hervorragende Spezialisten, sofern sie kein Geld besaßen, befreit Außerdem mußte jede Familie den Betrag von ungefähr 3000 Lei der Kooperative zur Bestreitung sämtlicher Unkosten zur Verfügung stellen und hatte zudem auch für die UebersiedÄungskosten aus eigenem zu sorgen. Ueber das sonstige Vermögen konnte jedes Mitglied frei verfügen, es bestand für jeden jedoch die schriftliche Verpflichtung, daß er naci seinem Eintreffen in Palästina sein ganzes ver:nÖgen der Kooperative gegen Zahlung von ei .sprechenden Zinsen zur Verfügung stellen müsse, damit die Kooperative in Palästina größere Geldmittel besitze, um umfangreichere industrielle Unternehmungen zu begründen. Allmählich wuchs die Zahl der Mitglieder auf 200 Familien mit 900 Personen an Da infolge der strengen Einwanderungsbestimmungen, die nach den Ereignissen im Mai 1921 erlassen wurden, keine Aussicht bestand, sofort eine Gruppe nach Palästina zu schaffen, beschloß der Verwaltungsrat der ' Kooperative, 60 Familien als ersten Transport aus Kischlnew nach Galatz und Braila zu bringen, um diese Gruppe für die Abfahrt besser zu organisieren. Dies geschah Im Juni 1921, Die 60 Familien erhielten von der gemeinsamen Kasse ein Darlehen zur Errichtung von Werkstätten und gründeten mit diesem Geld eine Tischlerei, eine Schlosserei und eine Fabrik zur Erzeugung von Schmiermitteln. Die Spezialisten, die sich unter den 60 Familien befanden, arbeiteten in den Werkstätten, die anderen arbeitsfähigen Mitglieder suchten und fanden Beschäftigung bei verschiedenen Privatunternehmungen, alle führten den ganzen Erlös an eine gemeinsame Gruppenkasse ab. Jede Familie erhielt ein eigenes Fassungsbuch, in welches täglich sovielmal 10 Lei eingestellt wurden, als die Mitgliedschaft der Familie betrug. Von diesem Gelde wurde ein großer Teil (ungefähr 6-8 Lei) je für die Verpflegung einer Person ausgegeben, der Rest zur Bestreitung anderer- Bedürfnisse, wie Baden, ärztliche Hilfe, Unterricht usw. verwendet. Diese Gruppe von 60 Familien hatte ein eigenes Bad gepachtet, welches ihren Mitgliedern zur Verfügung stand, sie besaß einen Arzt, der die Erkrankten behandelte, hatte eigene Lehrer für die Unterrichtung <*er Kinder, stellte Handwerker für die verschiedenartigsten Reparaturen und Neuanschaffungen zur Verfügung, und zur Deckung dieser Bedürfnisse wurde der nicht für Verpflegung verwendete Teil der Tagesquote in Abzug gebracht. Arzt, Lehrer und Hand- Werker verschiedener Art waren Mitglieder der Kooperative und erhielten wie die anderen ihre tägliche Quote. So bildete die Gruppe schon im Galuth ein kleines Gemeinwesen, in welchem jeder für das Wohl der ganzen Gruppe mit verantwortlich war. Die Kranken wurden aus der gemeinsamen Kasse verpflegt. Ueberschritt bei einer Familie die Zahl der Arbeitsunfähigen den normalen Durchschnitt, so wurde sie mit einem Mehrbetrag belastet und bürgte mit ihren eingezahlten 60 Pfund dafür, daß sie in Palästina der gemeinsamen Kasse den Mehrverbrauch an Verpflegung ersetzen werde. Nach einiger Zeit schon hatte diese Gruppe das von der Hauptkasse zur Verfügung gestellte Darlehen zurückgezahlt, und bis zu ihrer Abfahrt nach Palästina hatte sie außerdem noch den Betrag von 140 000 Lei erspart, welchen Betrag sie in Palästina für die Schaffung von gemeinnützigen Institutionen für die Kooperative verwenden wollte. Im August und September 1921 bekamen die 60 Familien durch das Czernowitzer Palästinaamt die Möglichkeit, die Reise nach Palästina anzutreten. (Dieses Amt hat auch für die anderen Gruppen der Kooperative die notwendigen Reisedokumente besorgt.) Sie schifften sich auch bald darauf ein und zwar in zwei Transporten, von denen der erste aus 37 Familien bestand, und nahmen alle in Galatz und Braila begründeten Werkstätten mit. Wie die erste Gruppe von 37 Familien es verstanden hat, die überaus schwere Anfangszeit in Palästina erfolgreich durchzuhalten und so den Boden für die weiteren Gruppen zu ebnen, davon soll weiter unten gesprochen werden. Gleich nach der Abreise der ersten Gruppe wurde die zweite Gruppe, bestehend aus 80 Familien, nach Galatz und Braila gebracht, damit auch sie die erste Schulung im kooperativen Zusammenleben erhalte und damit die einzelnen Familien, die in Kischinew in gar keinem Kontakt gestanden waren, sich aneinander gewöhnen. Auch diese Gruppe erhielt ein größeres Darlehen aus der Hauptkasse der Kooperative und auch sie errichtete eine Tischlerei und Schlosserei und außerdem eine große Fabrik für Tür- und Fensterbeschläge, welche mehr als 80 Personen Beschäftigung bot undeinen beträchtlichen Teil Rumäniens mit ihren Erzeugnissen versorgte. Die Gruppe hatte ihr Zusammenleben nach denselben Prinzipien organisiert wie die erste, freilich In noch viel umfassenderem Maße. Auch sie stellte Aerzte, Lehrer sowie Handwerker aller Art den Mitgliedern zur Verfügung; eine wichtige Neuerung bestand jedoch darin, daß sie eine Konsumanstalt errichtete, in welcher alle Mitglieder die für das tägliche Leben notwendigen Bedarfsartikel erhalten konnten. Die Gruppe war daher imstande, in größerem Maßstabe einzukaufen und an die einzelnen Mitglieder die Waren weit billiger abzugeben, so daß viele Familien nicht * ihre ganze Tagesquote (10 Lei täglich pro Kopf der