Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Der Aufgang des Morgenlandes [Rezension]
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 441 (sequence 1)
- Language
- German
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BEMERKUNGEN DER AUFGANG DES MORGEN¬ LANDES Zwei Bücher von höchster Wichtigkeit, erschütternde Erlebnisse für jeden, dem der Osten mehr als ein geographischer Begriff ist, sind in der letzten JZeit erschienen. Der Engländer Hyndman („Der Aufgang des Morgenlandes", deutsch bei Köhler-, Leipzig) und der Japaner K. Okakura („Die Ideale des Ostens", Inselverlag) sagen, jeder in seiner Weise, dasselbe: Ganz Asien ist eins. Der eine zieht die politischen Konsequenzen aus dieser Erkenntnis, sein Buch ist der Niederschlag einer politischen Welteinstellung. Ueber diese' Schrift sei hier gesprochen. Hyndman, der letzthin verstorbene Vater der marxistischen Arbeiterbewegung in England, der vorzügliche Kenner östlicher Angelegenheiten und aufrichtigste Freund der östiichenRassen, entwirft mit ein paar kräftigen Strichen eine Uebersicht über die europäischen Kolonialkriege und reduziert die historische Verklärung skrupelloser Freibeuterzüge auf jenes Maß, das das typische Wesen jener Geschichtslügen klar erkennen läßt, die stets das Gerippe idealistisch verbrämter Geschichtsklitterung kapitalistischer Historiographien bildeten. Er zieht die Bilanz aus der Orientpolitik seines Mutterlandes: Saldo ist sein feierlicher Protest gegen die fürchterlichen moralischen Verluste, die kein noch so gewaltiger ökonomischer Gewinn wettmachen kann. Ostindienkompanie, so und so viele Quadratmeilen Land stehen auf der Gewinnliste, Leichenberge verhungerter, erschlagener Eingeborener auf der Verlustseite. Es fällt jener Schleier, den man gern über die Angelegenheiten der Uebersee legt, und aus den Kolonialmeutereien werden Verzweiflungsausbrüche hoffnungsloser Menschen, ein Boxeraufstand wird zum Aufschrei eines Volkes, das um den letzten Rest seiner Existenz gegen die unbarmherzige Machtgier westlicher Barbaren kämpft, und die „Befriedung« Chinas 1900 wird zum offiziellen Raubte einerBanditenarmee im Namen einer Kultur, Heft 7 die daran geht, das Herz des gelben Mannes zu erdrücken. Japan tritt auf. Ein Szenenwechsel bereitet sich vor. Hyndman stellt die Geschichte der unheimlichen Entwicklung Japans mit ein paar Strichen dar. Japan wächst, England erkennt die Gefahr. Es muß sich bequemen, sich mit dem kleinen Japan an den Tisch zu setzen und Uebereinkommen zu schliessen. Die Wendungen englischer Politik im Osten, von der Angst vor Japan (und China) diktiert, werden grotesk. Japan aber steht fest und blickt unbeirrt nach zwei Seiten. Ueber China nach Indien und über die Philippinen nach Amerika. Kalifornien erkennt die Gefahr, erläßt Fremdengesetze(—Mexiko durchlöchert sie—), der Kanal entsteht und die Japanfeindschaft steigt. (Genau in den Wegen des europäischen Antisemitismus.) Das schwache China muß schweigen, da die Einwanderung von Chinesen aus ethischen (!) Gründen verboten wird. Japan aber hat die Technik des Krieges erlernt und seine Position wird täglich stärker — und Indien ist, wie englische Berichte letzter Zeit wieder melden, mit japanischen Agenten überschwemmt. Was sie bedeuten, sagt ein Armeebefehl letzthin, der den indischen Soldaten jeden Verkehr mit Japanern verbietet. Streitigkeiten zwischen Japan und China verzerren ein wenig das Bild. Wie immer sie aber ausgehen: der unterliegende Teil ist die europäische Vormachtstellung. Und ob heute in China Anfu- oder Chilipartei siegt, ob Republik oder Monarchie, ist gleichgültig: der gelbe Mann lauert im Winkel seines Hauses auf den Augenblick, da der weiße Einbrecher straucheln wird. Und er wird straucheln! Abwehrbewegungen, aufgebaut auf der ethischen Basis Allasiens, die im Osten und im Westen des Kontinents fast gleichzeitig aufbrechen, nähern sich einander: unwesentlich, ob Afghanistan unterworfen oder Palästina koreanisiert ist: wie groß auch die technisch-militärischen Siege Europas sein können, stets werden sie vom überwältigenden Geist und vom unerschöpflichen Menschenreservoir Asiens paralysiert, 29