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Der Jude · 1916-09-01 · Heft 6 (September 1916) · p. 419

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 6 (September 1916)
Article
Das Wesen der mosaischen Sittengesetze
Date
1916-09-01
Page
419 (sequence 1)
Language
German
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Arno Nadel: Das Wesen des Mosaischen Sittengesetzes 419 DAS WESEN DES MOSAISCHEN SITTENGESETZES „Denn dieses Gebot, das ich dir heute gebiete, ist nicht verwunderlich vor dir und ist nicht entfernt. Es ist nicht im Himmel, daß man sprechen müsste: Wer steigt für uns in den Himmel und holt es uns und läßt es uns hören, daß wir es betätigen? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, daß man sprechen müßte: Wer reist für uns jenseits des Meeres hin und holt es uns und läßt es uns hören, daß wir es betätigen? Vielmehr: Nahe ist dir dieses Wort, in deinem Munde und in deinem Herzen, — es zu vollführen." V. Mos. Kap. 30, ri—14* Es ist sonderbar, wie sich das Sittengesetz im Laufe der Zeiten entwickelt hat. Betrachten wir die Masse des Volkes, fast müssen wir schon sagen: die Masse der Menschheit, so können wir feststellen, daß trotz allem Beieinander der verschiedensten sittlichen Qualitäten die Betätigung des Sittengesetzes sich deutlich zu ihren Gunsten entwickelt hat. Ich hebe noch einmal hervor: trotz allem Beieinander der verschiedenen sittlichen Qualitäten. Wohl werden für alle Zeiten die gräßlichen Instinkte in einem Teile der Menschheit lebendig bleiben. Dieser Teil aber wird immer kleiner werden, ohne, wie gesagt, jemals ganz zu verschwinden. Er wird kleiner und kleiner, wenn man das Ganze mit einem möglichst großen Maße mißt. Der Rechtsgelehrte vor allem wird aus dem Stegreif die mannigfachsten Beispiele dafür anführen können. Ist nun diese Entwicklung tatsächlich feststellbar, so tritt sie doch noch ganz anders in denjenigen Persönlichkeiten deutlich hervor, die durch ihr ungeheuerliches, ans Wunder gehende Sein Jahrtausende von Menschr heiten aufwiegen. Eine solche Persönlichkeit ist Moses. Moses ist der Vertreter des normalen Sittengesetzes. Er sucht immer das Gegebene, das Selbstverständliche, aber das Gesetz ist ihm unendlich wichtig — man weiß aus zahlreichen Abhandlungen über diesen Stoff, wie Moses und das Gesetz* das geschriebene Gesetz, identisch sind. Aus dieser Normalität, die aber nicht mit kalter Objektivität zu verwechseln ist, ist das ganze Wesen seiner ethischen Regeln abzuleiten. „Dies sind die Rechte, die du ihnen vorlegen sollst." Und das erste Gesetz schon betrifft den Ärmsten, den am meisten Bedrängten, nämlich den Sklaven. „So du einen ebräischen Knecht kaufst, der soll dir sechs Jahre dienen, im siebenten Jahre soll er frei ausgehen umsonst." Ist diese Verordnung nicht, als hätte sie nie anders lauten können! Ist das nicht selbstverständlich, daß ein Mensch dem andern nicht ewig dienen soll! „Ist er ohne Weib kommen, so soll er auch ohne Weib ausgehen, ist er aber mit Weib kommen, so soll sein Weib mit ihm ausziehen." (II. Mos., Kap. 21, Vers iff.) Und so geht es fort und fort — alles ureinfache Dinge. Man könnte so alles weitere verfolgen bis auf die furchtbare Gerechtigkeit „Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß". Das ist natürlich eine finstere Seite der Normalität, des Gegebenen, aber diese Härte steht neben den mildesten Verordnungen, und so darf nur angenommen werden, daß entweder unter den zeit-* liehen Umständen dies das einzig Mögliche war, wie aus der erläuternden Schlußwendung in der Parallelstelle (III. M. 24, 20) ersichtlich wäre, oder daß dieses Gesetz, wie schon ältere Kommentatoren betonen, nicht wörtlich genommen werden 29*

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