Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 6 (September 1916)
- Article
- Aus den Urkunden der Bne Mosche
- Date
- 1916-09-01
- Page
- 387 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus den Urkunden der Bne Mosche 387 des Lebens und der Weg des Todes. Wenn wir zum Tode unsere Augen erheben, so lassen wir doch von dem Rat der falschen Ärzte und harren in Seelenruhe seines Kommens, denn mag er auch zögern — er wird kommen. Aber wenn wir das Leben wählen, so müssen wir uns für uns selbst eine Stätte an einem sicheren Orte errichten — und wo gäbe es einen so sicheren Ort wie das Erbe der Väter? An uns ist es also, unsere besten stofflichen und sittlichen Kräfte dieser unseren einzigen Rettung zu weihen: der Wiederbelebung unseres Volkes im Lande der Väter. 2. Genügen unsere geringen Kräfte, dieses schwierige ferne Ziel zu erreichen? Wer ist der Weise, der diese Frage mit klaren Beweisen und Belegen zu beantworten verstünde? Soviel man sich auch von rechts und links abmühte, für sie eine logische und empirische Lösung zu finden, es gelang nicht. Aber jenseits der Grenze der Vernunft und Beweisführung gibt es noch ein großes mächtiges Reich, das „Glaube" heißt, und hinter allen Diskussionen der Nationalisten und ihren Gegnern erhebt sich dieser große Unterschied: jene glauben und diese glauben nicht. In solchen dem Zweifel unterworfenen Dingen kommen Meinung und Tat aus dem Herzen. Je stärker das Verlangen unseres Herzens danach ist, desto größer ist unser Glaube an die Möglichkeit seiner Erreichung, desto kraftvoller unsere Hand, alle uns im Wege stehenden Hindernisse zu überwinden. —1 Damit also die Söhne unseres Volkes an ihre nationale Wiedergeburt glauben und ihr ihre besten Kräfte zu weihen bereit seien, müssen sie ihren Mangel empfinden und sich nach ihr mit ihrem ganzen Herzen sehnen, mit anderen Worten: ein starkes nationales Gefühl muß in der Tiefe aller Herzen pochen, bis kein Mensch aus Israel mehr in seinem persönlichen Wohlleben Ruhe für seine Seele findet und bis jeder wirklich und wörtlich den Namen Jerusalem über den Gipfel seiner Freude erhebt — dann wird der Glaube^ von selbst kommen und die Tat ihm folgen 3- Ein solches Gefühl gab es allerdings vorzeiten in unserem Volke, als Israel^ auf seiner Scholle lebte. Aber durch die furchtbare Zerstreuung und die unaufhörlichen Wanderungen nahm es allmählich ab, bis es fast unterging und im Herzen der meisten zu sein aufhörte. Selbst die wenigen, die noch seine Spuren in ihrem Herzen fühlen und sich von Zeit zu Zeit auf seinen Ruf hin aufraffen und sich einander verbinden, um etwas zum Besten der Allgemeinheit zu tun, — auch in ihrer Mitte sehen^oft unsere Augen den Satan — die Eigenliebe — kommen, das Gemeingefühl verdrängen und seine gute Absicht durchkreuzen, denn mächtiger ist er als dieses. Dieser Satan tanzt unter uns seinen Reigen, auch wo wir ihn nicht zu sehen vermuteten: unter den Bannerträgern des Nationalismus und der Zionsliebe. Die Männer, von denen wir dachten, sie würden zum Vorbild in unserer Mitte sein, indem sie dem ganzen Volke zeigten, wie viel der Gedanke und das Gefühl der Gemeinschaft vermag *um die Entfernten einander zu nähern und ihnen ein Herz und eine Meinung zu geben -yauch sie konnten sich nicht beherrschen und fielen all den Untugenden anheim, die andere Parteien besitzen. Unter solchen Umständen brauchen wir uns nicht darüber zu wundern, wenn wir sehen, wie sich die Verzweiflung in die Herzen vieler schleicht und sie zu der Meinung bringt, daß wir alt geworden, daß unsere Gebeine von der Sohle bis zum Scheitel eingetrocknet seien und wir die Kraft zum Leben eingebüßt hätten. 27*