Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Zur Frage der Frauenarbeit
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 382 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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382 Umschau: Rassenkunde Streit um die Leistungsfrage in der ganz groben Arbeit aus dem Wege gehen, würden sich den männlichen Genossen unentbehrlich machen und Arbeit leisten, die nicht minder wertvoll für das Land wäre als irgendeine andre. Auch hierdurch würde wahrscheinlich noch nicht ein gleichmäßiges Zahlenverhältnis männlicher und weiblicher Ärbeitsgenossen erreicht werden; um dieses zu erzielen, müßte noch immer eine Anzahl von Frauen in jeder Kwuzah für Männerarbeit zur Verfügung stehen; aber durch die. Verminderung ihrer Zahl würden die Leistungen der Kwuzoth, selbst dann wenn die Arbeitskraft der Frauen sich auch fernerhin als geringer erweisen sollte, nicht erheblich beeinträchtigt werden. Damit würde eine Quelle der Unzufriedenheit und des Unfriedens zum Versiegen gebracht, denn eigentlich wissen ja die Männer, daß die Teilnahme der Frauen an ihrem Leben unentbehrlich für sie ist, und nur bittere Not zwingt sie, sich die Mitarbeit der Frauen fortzuwünschen. Die Frau aber könnte sich unter solchen Bedingungen, bei Anmeldung ihrer Ansprüche auf gleiche soziale Rechte mit Fug auf ihre für die Gemeinschaft unentbehrlichen Dienste berufen. Es ist ja begreiflich, daß die, welche auf der Woge ihrer Begeisterung nach Palästina getragen wurden, sich gerade nach der Bewältigung des Schwersten sehnen. Aber die Frauen sollten nicht vergessen, daß auch das zu ihren Pflichten gegenüber dem Lande gehört: ihren Körper für die entscheidende Leistung, für welche die Natur ihm eingerichtet hat, gesund und kräftig zu erhalten: die Leistung der Geburt einer starken neuen Generation. Helene Hanna Cohn RASSENKUNDE An Büchern über die jüdische Rassenfrage und ihre Zusammenhänge mit der allgemeinen Rassentheorie ist wahrlich kein Mangel; es sei hier an die Bücher von Judt, Chamberlain, Fishberg, Hertz, Zollschan, Finot erinnert. Eine Uebersicht über diese Literatur und das ihr zugrunde liegende Problem ist bereits in dieser Zeitschrift (Jahrg. 1920, 1 Heft) in systematischer Darstellung gegeben worden. Es gehört also ein gewisser Mut dazu, dieses so stark bearbeitete Gebiet von neuem in einer Gesamtdarstellung anzugreifen. Und doch ist ein Bedürfnis dazu vorhanden, weil die genannten Werke große Lücken und schwere Mängel aufweisen, die ihren auf Einzelgebieten unbestreitbaren Wert für die Gesamtbetrachtung stark beeinträchtigen und gerade bei dem tiefer eindringenden Leser das unbefriedigende Gefühl der Unzulänglichkeit hinterlassen. Das umfassenste Werk dieser Reihe, das Buch Zollschans, ist in großen Teilen nichts als eine unorganische Kompilation und gerade da, wo es (in gewissem Umfange!) eigene Gedanken des Autors gibt, aufs stärkste angreifbar. Die Werke von Chamberlain und Finot sind fast ganz rein polemischen Charakters und ohne wissenschaftliche Bedeutung; zum guten Teil gilt dies auch für das Buch von Hertz, obwohl es durch sein reiches und vorzüglich belegtes Material hoch über ihnen steht: es bleibt im Negativ-kritischen stecken. Das Buch von Judt befaßt sich nur mit den anthropologischen Tätsachen und Theorien, ist vielfach veraltet und in zahlreichen Einzelheiten unzuverlässig. Fishbergs Buch endlich, das wohl den ernstesten Einfluß geübt hat und am meisten zitiert wird, beschränkt sich ebenfalls fast ausschließlich auf das anthropologische und medizinische Gebiet und ist zudem von einer so starken Voreingenommenheit in assimilatorischer Richtung diktiert, daß seine Objektivität, auch Tatsachen gegenüber, aufs bedauerlichste eingeengt ist. Da kommt nun ein Junger, Frischer, Starker, der mit unbekümmertem Wagemut und großzügigem Wurfe ein neues Buch über die alten Fragen schreibt: Fritz Kahn, „Die Juden als Rasse und Kulturvolk" (Berlin 1920, Welt-Verlag). Ich stehe nicht an, dieses Buch für das Beste zu erklären, was bisher über die Stellung des jüdischen Volkes in der Familie der Völker geschrieben worden ist. Das Buch Kahns hat starke literarische Vorzüge. Es ist glänzend geschrieben und aus einem Guß, von Anfang, bis zum Ende fesselnd, fast spannend, obwohl eine weitschichtige Belesenheit und ernster Vorarbeit dem Kundigen aus jeder Seite entgegenspringt. Es sprüht von farbigen Bildern, von treffenden Vergleichen, von witzigen Antithesen, es findet für alle Dinge den schlagendsten, für viele einen neuen Ausdruck. Kahn steht souverän über dem gewaltigen Stoff, den sein Buch behandelt. Selbst da — und das muß oft sein — wo er polemisch wird, ist seine Polemik von einer solchen Ueberlegenhelt und geistigen Höhe, daß gegen sie schlechterdings nicht aufzukommen ist. Nie ist der vielbekämpfte Houston Stewart Chamberlain so unbarmherzig in seiner ganzen Hohlheit und widerspruchsvollen Ueberladenheit — als Mensch und als Schriftsteller — abgefertigt worden' wie hier. Kahn verliert sich dabei niemals in Einzelheiten, so viel er deren auch anhäuft, sondern er ballt sie stets zu einem organisch wachsenden, wohlgefügten Gesamtbilde zusammen. Jedes Kapitel wächst aus der Tiefe und führt auf eine Höhe, von der aus sich ein befreiender Ueberblick über ein neues Stück zurückgelegter Wegstrecke ergibt. Jeder Abschnitt setzt neu ein und hängt doch im höchsten Maße mit dem Früheren und dem Kommenden zusammen.