Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Zur Frage der Frauenarbeit
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 380 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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UMSCHAU FRAUENFRAGEN; Zur Frage der Frauenarbeit Eines der Probleme, die unsere sich umwälzende Gesellschaft beschäftigen, ist dies: ob die Frau Anspruch darauf hat, in jeder Beziehung dem Manne gleichgestellt zu werden. Gleich hohe bürgerliche und soziale Rechte setzen gleich hohe Leistungen gegenüber der menschlichen Gesellschaft voraus, und so ist von den ersten Stunden ab, da die moderne Frauenbewegung einsetzte, die Frage entstanden, auf welche Weise die Frau ihre Pflichten gegen die Gemeinschaft am besten erfüllt: indem sie in alle Arbeitsgebiete des Mannes eindringt und sich ihm in jeder Arbeitsleistung als gleichwertige Genossin an die Seite stellt, oder indem sie, von der Voraussetzung eines Unterschiedes zwischen männlicher und weiblicher Befähigung ausgehend, sich gewisse, ihrer weiblichen Eigenart am meisten entsprechende Arbeitsgebiete aussucht und sich in ihnen in einer dem Manne unerreichbaren Weise spezialisiert. In Europa bezieht sich das Streben nach Gleichberechtigung in der Arbeit vorwiegend auf die kaufmännischen und geistigen Berufe; zu ihnen haben sich die Frauen in gewissem Maße den Zutritt errungen. Zu voller. Gleichberechtigung sind sie allerdings in ihnen noch nicht gelangt; noch bleiben ihnen — abgesehen von ganz wenigen Ausnahmen — die höheren Stufen der Karriereleiter verwehrt und auch in Bezug auf Gehalt stehen meistens angestellte Ärztinnen, Lehrerinnen, Redakteurinnen, Apothekerinnen, Laborantinnen ebenso wie kaufmännische Angestellte höheren ebenso wie niederen Grades ihren männlichen Kollegen nach. In den Berufen, in denen es auf körperliche Kraft ankommt, ist bisher von. den Frauen Europas die Gleichberechtigung noch kaum angestrebt, aber bestimmt nicht erreicht worden: zu den Handwerken (und Handwerksverbänden) haben sie — auch hier von einigen Ausnahmen abgesehen — keinen Zutritt; in der Land- und Fabrikarbeit bei schränken sie sich aus eigner Wahl auf ganz bestimmte Arbeitszweige, in denen sie fast durchweg schlechter entlohnt sind als die Männer. Aus einer Reihe von Berufen, die ihnen unter dem Druck der Kriegsverhältnisse erschlossen worden waren — vor allem im Verkehrswesen — hat man sie sofort nach der Rückkehr der Männer wieder hinausgedrängt. In Palästina hat man vom Beginn der Kolonisationsarbelt an die Forderung nach gleichen Rechten für Mann und Frau erhoben. Hier war das nicht nur eine von den zurückgesetzten, um freiere Lebensbedingungen kämpfenden Frauen erhobene Forderung, sondern es war von Anbeginn ein von beiden Geschlechtern vertretenes Postulat der ersehnten neuen und gerechten Gesellschaftsordnung. Erfahrung Über die mehr oder minder vollwertigen Leistungen der Frauen in den verschiedenen Arbeitszweigen hatte man noch nicht gesammelt, und unter den Bedingungen der ersten Pionierjahre, in -denen es mindestens ebensosehr auf die Persönlichkeit des Einzelnen wie auf seine berechenbare Arbeitsleistung ankam, wäre es jedem als Ungerechtigkeit erschienen, die weiblichen Genossen des neuen — harten —Lebens von irgendeinem Zweige des gemeinsamen Strebens nach -Wiederaufbau auszuschließen. So konnten sie denn auch in alle Berufe eintreten, und wenn sich eine Unzufriedenheit mit Ihnen geltend machte, so entsprang diese nicht — wie in den meisten Fällen in Europa unsrer Tage — aus der Tatsache, daß sie sich in zu viele Berufe eindrängten, sondern im Gegenteil aus der Wahrnehmung* daß sie dem wichtigsten Beruf des neuen Landes, nämlich der Landwirtschaft noch fern blieben. Während dieser Zustand in den Kolonistenfamilien noch fortbesteht — bekanntlich sehr zum Schaden der Rentabilität der Betriebe — hat sich die Lage bei den neuen Einwanderern, den Chaluzim, verschoben. Die Frauen, die jetzt -ins Land kommen, teilweise bereits in Kwuzoth eingeordnet, teilweise1 mit dem Wunsche, sich einer Kwuzah anzuschließen, haben jahrelang gehört, daß die Frau als Mitarbeiterin des Kolonisten in Palästina versagt hat; sie kommen deshalb mit dem Bestreben, das von ihren Schwestern Versäumte wieder gut zu machen. Und nun gehen sie in das andere Extrem. Sie leugne*1 nämlich einen Unterschied zwischen männ-