Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Gegen den "amerikanischen" Zionismus
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 378 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101175-3101182-3106841--5208-3106907- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
378 Bemerkungen: Gegen den „amerikanischen** Zionismus Gegner zugeben— im entscheidenden Punkte versagt. Es ist eine der wesentlichsten Aufgaben des Zionismus, und eine Aufgabe, die nur allmählich in ihrer ganzen Schwere erkannt werden wird, das auswandernde Element in einer Weise umzugestalten, daß einmal in Palästina eine organische jüdische Gemeinschaft entsteht, keine parasitäre. Und nun frage ich: Wie anders ist eine solche Umgestaltung möglich, als daß das nationale Element entscheidend betont i wird? Wie anders, als daß unseren heranwachsendenjüdischen Menschen gezeigt wird: Deine Berufswahl muß eine Synthese sein deiner Kräfte und der Anforderungen, die unser Volk heute an dich stellt Und ich frage weiter: In welchen Kreisen hat man mit der Berufsumschichtung Ernst gemacht, in denen, für die die nationale Idee eine lebendige Realität ist, oder in denen der Amerikaner? Ich erwarte die Antwort meines Gegners. Und nun zu der Behauptung: Die Wirtschaftsgrundsätze, die in der ganzen Welt herrschen, gelten auch in Palästina; es ist ja sehr billig, mit solchen Schlagworten zu arbeiten, und man ist des Volksversammlungserfolges gewiß, wenn man erklärt, daß Palästina ein Land wie jedes andere Land sei und sich in seinen wirtschaftlichen Bedingungen nicht nach den Ideen irgend eines Phantasten, sondern nach den „realen" Notwendigkeiten richte. — Ich will versuchen, der Diskussion eine sachliche Form zu geben und in diesem Sinne einige konkrete Punkte herausgreifen. Zunächst die Nationalisierung des Bodens.*) Ich will hier wieder nicht darauf eingehen, aus welchen prinzipiellen Gründen die Nationalisierung des Bodens von entscheidender Bedeutung für die gesamte Kolonisationstätigkeit ist, sondern dem Gegner auf sein eigenes Gebiet zu folgen suchen. Er behauptet, Palästina sei ein Kolonialland, in dem nach allgemein bekannten Beispielen bei einer ins Gewicht fallenden Einwanderung eine bedeutende Steigerung der Bodenpreise zu erwarten ist. Und der Grundstückshandel sei für abseh- *) Für die Erläuterung dieses Begriffes sei verwiesen auf das 8; Kapitel meines Buches. bare Zeit das einzig lohnende Geschäft, denn die Erträge der Landwirtschaft seien minimal und trotz der zahlreichen industriellen Möglichkeiten sei bei der Unsicherheit der Verhältnisse jede industrielle Neugestaltung mit einem starken Risiko verbunden. Würde man durch irgend welche Maßnahmen die Prinzipien der Nationalisierung des Bodens durchzuführen versuchen, so würde eine Menge kapitalkräftiger Juden von der Einwanderung abgehalten werden, und so das Kolonisationswerk eine nicht gut zu machende Verzögerung erfahren. In diesem Punkte beruft man sich gern auf Ruppin ■—, dessen Anschauungen man sonst ablehnt —, der sich auch gegen eine Nationalisierung des Bodens ausgesprochen habe. Zunächst einmal: die Berufung auf Ruppin ist nur zum kleinsten Teile richtig. Es heißt bei ihm*): „Eine zeitlich begrenzte Ausnahme von diesem Prinzip (Nationalisierung des Bodens) soll nur insofern Platz greifen, als diejenigen landwirtschaftlichen**) Ansiedler, die den Boden mit eigenen Mitteln erwerben, doch auf die Vergünstigungen der jüdischen Kolonisation Anspruch haben sollen, falls sie sich verpflichten, den Boden nach Ablauf von 25 Jahren zu dem dann abzuschätzenden Werte dem jüdischen Gemeinwesen bezw. dem J. N. F. zu Überlassen und von ihm in Erbpacht zurückzunehmen." Und an einer anderen Stelle: „Diese Bestrebungen zur Beseitigung des privaten Bodeneigentums und zu einer auf das Gemeinwohl gerichteten Bodenpolitik sind in ihren Motiven und Zielen durchaus zu billigen; es fragt sich nur, ob jetzt schon der Zeitpunkt für ihre radikale***) Durchführung gekommen ist." Für Ruppin ist vor allen Dingen der Gesichtspunkt entscheidend, daß ein großer Teil der Ostjuden von städtischen Berufen herkommt, der Uebergang zur Landwirtschaft für diese Einwanderer mit einem starken *) Dr. Arthur Ruppin, Der Aufbau des Landes Israel, Berlin 1919. **) Bereits bei Ruppin gesperrt. ***) Bereits bei Ruppin gesperrt.