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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 6 · p. 359

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 6
Article
Henri Franck
Date
1921-01-01
Page
359 (sequence 1)
Language
German
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IRI
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Hans Köln: Henri Franck 359 HANS KOHN / HENRI FRANCK 1. Ein schmaler Band ist alles, was von ihm geblieben ist: eine Dichtung, die nicht vollendet werden konnte, und wenige kritische Essais, überraschend durch ihre formvollendete klare Sicherheit, durch ihre weise, wissende Wertung, Werke eines Neunzehnjährigen. Aber Andr6 Spire widmet ihm seine Poemes Juifs mit den Worten „ä la memoire du grand poete juif" und dem schmalen Bande seiner Schriften hat Frankreichs größte Dichterin, Madame de Noailles, 'dreißig Seiten vorangesandt, die zu dem Zartesten und Schönsten von allem gehören, das je auf das Grab eines Freundes in sehnsüchtiger und ehrfürchtiger Liebe von verstehender Hand geschrieben wurde. Dieser junge Mann, der fast noch ein Kind zerstörender Lungenkrankheit erlag, war eine jener großen früherschlossenen Jünglingsgestalten, die in unendlicher Anspannung ihres ganzen Wesens Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in der Ueberfülle ihres Geistes zur Einheit verschmelzen und in ephebenhafter Schlankheit in die Welt der Gestaltung erheben und, das begeisterte Antlitz den hocherhobenen Händen nach emporgetragen, von dem Bewußtsein ihres frühen Endes nur tapfere Weisheit, nicht schwermütig spielerische Klage empfangen. Seßhafter französisch-jüdischer, wohlhabender Familie entsprossen, bot er früh die Leistungen eines Wunderkindes. Er nahm in sich das Beste auf, was französische Kultur bieten konnte. Er beendete mit zwanzig Jahren Frankreichs höchste Lehranstalt, die ÜCcole Normale Superieure. Sein Wissen war allumfassend, aber ihn drängte es zu lehren, Wissen zu geben, zu erziehen. Uralter Trieb seiner Rasse, der der Lehrer," der Bereiter kommender Geister, der Ueberlieferer erworbener Güter, der Bilder von Seelen und Geschicken am höchsten stand. Wenige Monate hindurch lehrte er am College Chaptal, ein großer Teil seiner Schüler war älter als er. Er war ein hinreißender Lehrer; aber nach kurzer Zeit zwang ihn sein Gesundheitszustand, den geliebten Beruf aufzugeben und sich in südliche Länder zu begeben. In eine Zeit hineingestellt, wo die französische Jugend nach der Enttäuschung über den Ausgang des großen Kampfes, der die Dreyfus Affaire gewesen ist, nach der Müdigkeit und dem Ueberdrusse des fln du siecle wieder voll neuen Aktivismus war, stürmend und vorwärtsdrängend, nach Tat und Rausch lüstern, steht er innerhalb dieses schwelenden, oft in Phrasen versinkenden, meist in rohe Gewalt sich kehrendes Feuers, wie ein reiner Sucher da. Die Unruhe ist auch in ihm, eine wirkliche, nie rastende Unruhe, aber sie ist voll des Gefühl des Ernstes und der Verantwortung des Lebens, voll der Verpflichtung nach Klarheit, nach Forschung, nach Licht Eine Abkehr gleicherweise von der sterilen angstvollen Unruhe, die den Menschen, in Mystizismus und Theosophie treibt, wie von jener Oberflächenunruhö, die nach äußerer Manifestation, nach Explosion strebt.

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