Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Zur Schichtengliederung der israelitisch-jüdischen Gesellschaft
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 338 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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338 Robert Weiß: ziehungsweise der Familie*).- Nicht das Individuum, der einzelne von Volk und Familie losgelöste Mensch, war Subjekt des höheren weltlichen und geistlichen Verkehres, nicht konnte der Einzelne göttliche oder menschliche Strafe oder Belohnung erwarten, sondern für alles war seine Familie, sein Geschlecht, sein Stamm, seine Ortsgemeinde, sein Volk verantwortlich und nur einen dieser Solidaritätskreise konnte Lob und Verachtung, Verheißung und Verfluchung, für das Tun des Einzelnen treffen. Diese Grundanschauung des Solidarismus war ursprünglich die religiöse, soziale, daher auch rechtliche Grundanschauung des Gesamtvolkes. Sie erhielt sich am längsten bei den Bauern, deren Wirtschaften ja die Aufrechterhaltung des Solidaritätskreises der Großfamilie, der Sippe, noch lange Zeit notwendig machte. Denn alles Land war ursprünglich Familienerbgut, viele Mitteilungen der Quellen weisen darauf hin. Die Bauernschaft stellte in den alten Zeiten das größte Kontingent im israelitischen Bundesheerbann, der bei nationaler Gefahr recht umständlich aufgeboten wurde. Die Militärmonarchie der Großkönigszeit schuf sich aber eine straff organisierte Söldnertruppe und die königlichen Leibwachen, auch wurde mit dem Eindringen der ägyptisch-babylonischen Kriegstechnik die Ausrüstung des gemeinen Mannes immer ^kostspieliger. Diese Entwicklung führte zu einer Verdrängung des altisraelitischen, hauptsächlich, aber nicht ausschließlich bäuerlichen Bundesheerbannes bis zur völligen Bedeutungslosigkeit; und die militärische Bedeutungslosigkeit hatte die politische zur Folge. Als dann seit Salomo die sozial-wirtschaftlichen Gegensätze sich immer mehr zuspitzten, das immer mächtiger werdende Stadtpatriziat und diee Großgrundbesitzer Land auf Land häuften, und große Schichten der Bauernschaft in drückende finanzielle Abhängigkeit gerieten, wenn sie nicht Schuldsklaven oder gSrim wurden, war die bäuerliche Schichte der israelitisch-jüdischen Gesellschaft bereits so ohnmächtig, daß ihnen zum einzigen Sprachrohr der Not und zur alleinigen Zuflucht vor ^den Ungerechtigkeiten der herrschenden Schichten bloß die Propheten blieben. Denn die Rechtsprechung der Könige und der offiziellen Priesterschaft und vollends die der Stadtältestengerichte war parteiisch und durch Bestechungen korrumpiert.**) Die Lage der Bauernschaft wird, je näher wir zum sechsten vorchristlichen Jahrhundert kommen, immer drückender. Häufige Kriege, Plünderungen, Brandschatzungen, Durchzüge fremder Heere hatten das Land verwüstet und unregelmäßige Bebauung des Bodens zur Folge, harter Frondienst und schwer lastende Abgaben für Hof und Kult führten zu zunehmender Verarmung der bäuerlichen Bevölkerung, die allmählich ihre Familienerbgüter an das Stadtpatriziat und die Großgrundbesitzer abgeben mußten, dadurch aber in die landbesitzlose Klasse der gSrim niedersanken. „Die soziale Folge dieser Uebelstände war ein ungesundes Latifundienwesen, das dem älteren Israel ganz unbekannt *) Vgl. Löhr, Sozialismus und Individualismus im Alten Testament. **) Vgl. Mi 3,u.