Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1921-01-01 · Heft 5 · p. 317

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 5
Article
Das Weib des Akiba
Date
1921-01-01
Page
317 (sequence 19)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101175-3101181-3106744--5125-3106815
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Das Weib des Akiba 317 und geehrt, aber vor mir selbst unkundiger des göttlichen Willens, als da ich so alt war wie dein Knabe. Ich suche diesen göttlichen Willen Tag und Nacht, aber er entfernt sich von mir vor mir her. Jttltfia: So mußt du weiter suchen. R. Akiba: Bist du eine Witwe? Jaltha: — Ja. R. Akiba: Schwer, sagt man, ist das Herz der Witwe. Jaltha (steht auf): Wenn Liebe schwer ist, so ist das Herz der Witwe schwerer als jedes andern Weibes Herz. Töricht ist die Braut, töricht ist die Hochzeiterin. Hast du mich hier nicht sitzen sehen gebeugt über mein Herz? Denn es ist wahrlich schwer. Wo ist ihr Ehemann? Oh, sie ist verzückt in ihm; denn er ist überall, sie atmet ihn ein und aus. Zwei Dinge versteht sie, wie kein Anderer auf Erden, — die Jugend, das eine, — und den, der Gott sucht. Suche auch du ihn! Gib dich nicht zufrieden mit halbem Werk! R. Akiba: Alles Werk ist halb; und häufte ich Lehren wie einen Hügel und Taten wie ein Gebirge, so ist ihnen ihre Grenze gegeben, und die Mühsal war vergeblich und fängt von vorne an. Jaltha: So mußt du suchen bis zum Tod. Wenn dir nicht heute genug ist, wird dir nicht morgen genug sein; aber im Tod wird dir genug sein. R. Akiba: Heute ist mir nicht genug, und morgen wird mir nicht genug sein. So gib mir einen Rat, Weib, soll ich weiter suchen, soll ich weiter wandern? Jaltha: Gott ist in dir. Nur er kann dir raten. R Akiba: Und du? Jaltha: Zwölf Jahre habe ich hier gesessen und will weiter sitzen zwöll Jahre gern mit meinem Herzen. R. Akiba (richtet sich auf): Wer hat die Kelter getreten, daß ich trunken und stark bin von dem Süßen? So will ich meinen Stock weitersetzen über die halbe Erde. Nicht darf ich sagen: Friede sei über diesem Haus! denn dieses Haus ist selbst der Friede Gottes, der wie der Wein gärt im Lande Kanaan. Wer bin ich, daß du meiner gedenkst, Herr, Gott! (Er richtet sich zum Gehen, und geht.) Jaltha (hat ihm nachgesehen, und als sein Schritt verhallt ist, umklammert sie mit leidenschaftlichem Schmerz den Pfosten der Tür und sagt): Akiba! (Um die Ecke kommt ihr zwölfjähriger Knabe Joseph.) Joseph: Ein Mann ist hier gegangen. Hat er dich gekränkt? Jaltha: Ismael! (Sie küßt ihn inbrünstig.) Bete! Bete! Joseph: Nie will ich beten! Und ich schlafe die Nacht auf der Schwelle. Jaltha: Ich will bei dir sitzen. (Sie setzt sich auf die Schwelle.) Komm, Ismael, mein Wilder, mein Lieber! (Er schmiegt sich an sie.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.