Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die Lehren von Irland
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 266 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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266 Die Lehren von Irland Zugehörigkeit zum britischen Machtkomplex, beinahe der Unabhängigkeit gleichkommen. In inneren Fragen jedenfalls sind diese Gliedstaaten autonom, und zwar natürlich nicht nach einem Nationälitätenprinzip, sondern nach dem territorialen Prinzip. Wir sehen heute, nach Irland, die Bewegung in Aegypten, und wir wissen nicht, wohin die Entwicklung der England unterstehenden Völkerschaften im Orient in der nächsten Zeit führen wird. Jedenfalls ist festzustellen, daß die englische Politik mit diesem Verfahren keineswegs einem idaalen Prinzip folgt, vielmehr zeigt sich darin der Respekt vor den Realitäten. Wenn wir daher aus dieser Beobachtung Konsequenzen ziehen wollen, so dürfen nicht an der Möglichkeit vorbeisehen, daß auch in Palästina die englische Politik die gegenwärtigen Realitäten respektieren könnte. Wir allein wissen, daß es mit diesem Lande seine besondere Bewandtnis hat: wir.wissen, daß uns ein Recht auf freie Einwanderung und Begründung nationalen Lebens in diesem Lande zusteht; aber wenn wir unsere Ansprüche in Wirklichkeit überführen wollen, dann müssen wir uns fragen, ob es richtig ist, unsere ganze Hoffnung auf die eine Karte der englischen Unterstützung zu setzen (s. z. B. den offenbar die offizielle Ansicht darlegenden Artikel Lichtheims in der „Jüdischen Rundschau" vom 27. L). Gewiß ist im Augenblick die Besiedlung Palästinas ohne Englands politische Hilfe fast nicht durchführbar. Aber diese Erkenntnis sollte uns nicht dazu führen, nun schroff bei allen Gelegenheiten mit Protesten und Resolutionen von England Erfüllung seines Versprechens zu fordern, sondern es sollte uns zur Ueberlegung veranlassen, auf welche Weise allein diese so wichtige englische Hilfe für uns zu erhalten ist. Englands elastische Hand, nicht zu verwechseln mit der Faust LudendorfTs, weicht weise vor den Realitäten; sie fordert Respekt vor den Realitäten und Ausgleich mit ihnen auch von den ihr eingeordneten Bewegungen. England hat jahrelang auf die Iren geschossen, bis es des Schießens müde ward und dem auf seiner Scholle lebenden Volke die Freiheit gab. Wollen wir dieses Beispiel mechanisch auf Palästina übertragen, so zeigt sich, daß auf diese Weise Palästina kein jüdisches Land werden würde. Es ist nicht anzunehmen, daß die Politik Englands den Arabern gegenüber weniger elastisch sein wird; sie wird vielleicht eine gewisse Zeit Zwang aufrechterhalten und wird nachlassen, wenn es ihr gut dünkt. Für den Zionismus ergibt sich daraus, ganz nüchtern betrachtet, die Konsequenz, daß er selbst die Auseinandersetzung mit den heutigen Realitäten nicht scheuen darf, wenn er zu praktischen politischen Erfolgen gelangen will. Der Ausgleich mit den Arabern ist eine immer immer dringlicher werdende Forderung. Auch England verlangt dies von uns, es kann diese Arbeit nicht für uns leisten. Wir übersehen nicht die großen Schwierigkeiten dieser Aufgabe; wir wollen auch der zionistischen Exekutive oder anderen Faktoren keinen Vorwurf machen, daß unser Apparat und unsere Menschen dieser Aufgabe nicht gewachsen sind, denn dieser Vorwurf kehrt sich gegen uns selbst Statt Polemik und Anklagen müßte endlich ernstlich daran gegangen werden,