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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 3 · p. 196

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 3
Article
Die landwirtschaftlichen Kwuzoth in Palästina
Date
1921-01-01
Page
196 (sequence 12)
Language
German
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196 Umschau: Geschichte Geltung hat? Aeufleres und v erm ei etliche s Unglück ist es, das garnicht mit dem Wesen der Wirtschaftsform selbst verbunden ist; Aber gerade das weckt meistens unter den Arbeitern Unzufriedenheit, Gedrücktheit, Sehnsucht nach einem ruhigen Heim. Und über alledem herrscht die Kriegsnot. Die Kwuzoth entwickelten sich eben in den blutigsten Kriegsjahren, in den schwersten Zeiten des Jischuw, abgeschnitten von den Galuth-Ländern, ohne Unterstützung der jüdischen Arbeiterschaft und der sozialistischen Welt, ohne Geldmittel, unter den Bedingungen des Moratoriums. Wer wagt da noch vom „Axiom der Defizite" zu reden 1 Man finde auch nur eine Wirtschaftsfarm im Lande zu dieser Zeit, die keine Defizite zu verzeichnen hätte! All ..diese äußeren Hindernisse aus der Welt zu schaffen ist jetzt die Aufgabe. Die Einstellung der Kolonisationsämter gegenüber der Kwuzah-Wirtschaft muß eine neue, werden. Das erforderliche Budget darf nicht mehr erbettelt werden, die Kwuzah selbst darf nicht mehr als Nebensache, als zeitweiliger Ersatz betrachtet werden, sondern als der breite Weg zur jüdischen nationalen und sozialen Befreiung. Die schon bestehenden Kwuzoth müssen in einem genossenschaftlichen Verband zusammengeschlossen werden, der ihre Produkte •einkaufen und verkaufen soll. Sie müssen nebeneinander gebaut werden, damit sie gemeinsam die äußeren Schwierigkeiten bekämpfen und die gemeinsamen Nöte befriedigen können. Sie sollen aber mannigfaltig sein, damit jedes Mitglied die Möglichkeit habe, seine Arbeitskenntnisse zu verwerten und auch die Verantwortung für die Leitung zu tragen; Sie müssen versehen sein mit den notwendigen technischen Mitteln, mit Wohnungen, mit kulturellen und pädagogischen Einrichtungen. Mit freier Hand, mit weitem Blick, mit treuem Herzen müssen die Kwuzoth gebaut werden im Glauben an den Befreiungsweg, den sie darstellen, und an das hohe Ziel, das sie anstreben. Salman Rubaschow GESCHICHTE „Die jüdische Geschichte" Eine kritische Betrachtung Über grundsätzliche Dinge. Nicht nur das heiligste und unheiligste, das opferbereiteste und gewinnsüchtigste, das revolutionärste und beharrendste der Völker, sondern auch das kritischeste und unkritischeste von allen ist unser jüdisches Volk. Und zwar steht es somit dieser Art von Polarität: wir zerfleischen unser Ich, aber wir denken zu hoch von unserer Leistung, wir halten wenig von der Persönlichkeit unseres Volkes, aber wir trauen ihm jede Art von Auserwähltheit zu, wir kränken die lebendige Menschlichkeit unserer. Führer durch ein Übermaß von Kritik, aber wir überschätzen den objektiven Wert ihres Werkes und folgen blindlings den Fahnen, die sie vor dem .Volke hertragen. Dieser nationale Zug hängt tief mit einer unbewußt wichtigen Einsicht in das Wesen des großen jüdischen Menschen zusammen: der ist in der Tat Führer und Held nicht durch ein Weil, sondern durch ein Trotzdem, nicht durch Geburt, sondern durch Berufung, nicht durch die Seins-Kraft seiner Natur, sondern durch die Schöpfer-Kraft seiner Bildung. In der Zerstreuung hat sich dieser Dualismus durch das Fehlen der gesunden Volksmitte sehr verstärkt, da er nur von einem zentralen Werte her immer wieder zur Einheit gebunden werden konnte. Der Zionismus gar hat die Merkmale jeder nationalen Renaissance dem ursprünglichen Gegensatz noch hinzugefügt: wenn die alten Tafeln'zerbrochen werden, will man neue schreiben fast um jeden Preis — und so drängte sich in den letzten Jahren die Ünkritik vor die Kritik. Der entwurzelte Westjude zerbrach die alte Tafel der Assimilation, doch schuf er keine altneue Tafel, sondern griff in Elle nach dem Surrogat des sogenannten „Ostjudentums", dessen Kulturwert er infolgedessen stark überschätzte. Dies ist ein Beispiel für viele, bei denen sich jener Mangel an Kritik sonst noch — auf politischem, künstlerischem, literarischem Gebiet—aufzeigen ließe. Hier soll vom Bezirke der. Wissenschaft die Rede sein — mit dem Ernst und mit der Schärfe, die durch die prinzipielle Kulturbedeutung und Gefahr der unkritischen Einstellung mehr noch geboten sind als durch den Gegenstand gerade dieser Besprechung. Vor etwa 20 Jahren ist Dubnows geschieh fsphilosophischer Versuch „Die jüdische Geschichte" zum ersten Mal in deutscher Übertragung erschienen. Die Schrift war seit langem vergriffen und wurde der jungen jüdischen Bildungsgeneration vom Kundigen als etwas besonders Tiefes und Geistvolles gerühmt. Diesem günstigen Vor-Urteil entspricht auch die freudige Anerkennung, die eine zweite Auflage*) überall findet. Dubnow selbst steht vielleicht nicht mehr hinter der so lange zurückliegenden Arbeit; die Tatsache ihrer Rezeption durch das jüdische Publikum indessen zwingt zu der Prüfung, ob die Anerkennung wirklich verdient ist oder auch hier wieder der unkritischen Liebe entspringt, die von alters her unsere Mütter ihren Kindern, und die neuerdings unsere Leser ihren Schriftstellern entgegenzubringen pflegen. Apologie war die geistige Sünde der Assimilationsperiode. Sie hat alle Tatsachen „richtig beleuchtet" und dadurch Werte gefährdet. Und dieses Laster, das von so tiefer Skepsis gegenüber der wahren Kraft unseres Volkes Zeugnis gibt und deshalb in einer *) Im Verlag von J. Kaufmann, Frankfurt a. M. 1931.

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