Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1921-01-01 · Heft 3 · p. 160

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 3
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1921-01-01
Page
160 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3101111-3101175-3101179-3106565--4937-3106604
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

i6o Samuel Rappaport: früher erwähnten. Ist jedoch nach deren Anwendung keine Besserung eingetreten oder war sie nicht von Dauer, dann wird der Erkrankte unter Beobachtung gehalten und es wird veranlaßt, daß er das Bett nicht verläßt, was oft den besorgten Familienangehörigen nur mit schwerer Mühe gelingt. Bei seiner agilen temperamentvollen Art und seiner unruhigen arbeitseifrigen Lebensweise ist der Ostjude nur schwer zu bewegen, untätig zu Hause, geschweige denn im Bett zu bleiben. Das gesteigerte Pflichtbewußtsein und die stete Sorge um die Erhaltung der Familie, Erziehung und Ausheiratung der Kinder lassen beim Ostjuden nur sehr schwer den Gedanken aufkommen, er sei schon so krank, daß er das Zimmer hüten müsse. Nicht selten weigert er sich, einen Arzt zu Rate zu ziehen, aus Angst, daß er ihm anordnen könnte, zu Hause zu bleiben, und geht so lange seinen Geschäften nach, bis er eines Tags sich nicht mehr von seinem Lager erheben kann. Nur zu oft sind schwere Erkrankungen und allerlei gefährliche Komplikationen bloß darauf zurückzuführen, daß der Kranke zu Beginn seines Leidens, damit er nicht genötigt werde im Zimmer zu bleiben, seinen Zustand vor den Familienangehörigen verheimlicht und 4em Arzte keine Möglichkeit gibt, rechtzeitig einzugreifen. Von Fieber und Schmerz geplagt geht oft, ohne sich eine kurze Ruhe zu gönnen, der Ostjude im Glauben und in der inneren Ueberzeugung, es werde auch diesmal wie schon früher wieder alles ohne Arzt und ohne Betthüten gut werden, seiner täglichen Beschäftigung nach, bis et infolge einer scheinbar plötzlich eintretenden ernsten Erkrankung buchstäblich zusammenbricht. Wenn man mitunter einen solchen Ostjuden, dessen Gesicht und Haltung es verraten, daß es um seine Gesundheit nicht gut bestellt ist, bei der Arbeit sieht und ihn fragt, warum er nicht einen Arzt wegen seines schlechten Aussehens befrage, kann man immer die stereotype Antwort hören: „Der Arzt würde ganz gewiß anordnen, daß ich für einige Tage zu Hause bleibe, ich aber habe keine Zeit krank zu sein, da ich für Frau und Kinder zu sorgen habe; es wird schon auch so mit Gottes Hilfe gut werden. Am Sabbat werde ich doch auf jeden Fall ausspannen und der Ruhe pflegen". Bald nach der Erkrankung finden sich gewöhnlich die nächsten Verwandten und sonst nahestehenden Freunde ein. Tritt keine baldige Besserung ein, dann kommen, gewöhnlich schon vom dritten Tage angefangen, Freunde und Bekannte sowie die offiziellen Verteter der verschiedenen Vereine, deren Mitglied der Kranke ist, um nach seinem Befinden zu sehen und gleichzeitig die gebotene Pflicht des Krankenbesuches (Bikkur cholim) zu erfüllen (JeruschalmiTr. Peah Absch. 3. Schulchan Aruch, Joreh Deah § 335 Absatz 1). Während jedoch die nächsten Verwandten und Freunde ohne Rücksicht auf die Tageszeit zum Kranken kommen, ist es Sitte, daß die andern Fremden ihn nur im Lauf der hellen Tageszeit, etwa von zehn Uhr morgens bis vor Sonnenuntergang, besuchen, da, wie schon der Talmud meint, der Kranke um diese Stunden sich gewöhnlich wohl fühlt und eher aufgelegt ist, Fremde zu empfangen (Tr. Neddarim 40 A* Schulchan Aruch, ebenda Absatz 4).

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.